Wenn Donald Trump ins Reden kommt, schütteln Regierungschefs anderer Länder häufig mal mehr, mal weniger offen den Kopf. Oft machen sie auf diplomatischen Parkett dennoch gute Miene zum Spiel des US-Präsidenten. Doch die Aussagen von Trump zur Nato konnten sie nicht auf sich sitzen lassen.
In seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos hatte Trump unter anderem über das transatlantische Bündnis hergezogen. "Das Problem mit der Nato ist, dass wir zu 100 Prozent für sie da sein werden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie für uns da wären, wenn wir sie rufen würden", sagte der 79-Jährige.
Widerspruch von Nato-Generalsekretär
Das rief Nato-Generalsekretär Mark Rutte, dem sonst ein gutes Verhältnis zu Trump nachgesagt wird, auf den Plan. In ruhigem Ton, aber mit ungewöhnlich deutlichen Worten wies der Niederländer Trump bei einem öffentlichen Gespräch in Davos zurecht. Er verwies darauf, dass nach den Anschlägen am 11. September 2001 zahlreiche Soldaten aus Nato-Ländern die US-Truppen in Afghanistan unterstützt hätten.
"Auf zwei Amerikaner, die starben, kam ein Soldat aus einem anderen Nato-Land, der nicht zu seiner Familie zurückkehrte", stellte Rutte klar – und wies noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass auch Soldaten aus Dänemark darunter waren. Das Land musste sich von Trump in den vergangenen Wochen öfter Drohgebärden im Streit um Grönland anhören.
Zu einem Umdenken führte der Hinweis auf Afghanistan beim US-Präsidenten allerdings nicht. In einem Interview mit Fox News behauptete er, die Soldaten der Nato-Verbündeten hätten sich "zurückgehalten, ein wenig hinter den Frontlinien". Eine Aussage, die Politiker und Angehörige von gefallenen Nato-Soldaten tief verletzt zu haben scheint. Entsprechend harsch fielen die Reaktionen aus.
59 Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan gefallen
Rund 3600 Soldaten der Kriegskoalition kamen im Afghanistan-Krieg ums Leben, darunter auch 59 Soldaten der Bundeswehr und drei deutsche Polizisten. Verteidigungsminister Boris Pistorius widersprach in der "Bild am Sonntag" Trump deutlich: "Unsere Bundeswehr stand bereit, als unsere amerikanischen Verbündeten nach dem islamistischen Terroranschlag von 2001 um Unterstützung gebeten haben. Für diesen Mut und den hochprofessionellen Einsatz ist Deutschland unserer Bundeswehr sehr dankbar."
Deutschland habe "einen hohen Preis bezahlt": "Wir werden den Einsatz und Mut unserer Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan in Ehren halten. Ganz egal, von wem das infrage gestellt wird."
Prinz Harry fordert Respekt von Donald Trump
Besonders entrüstet reagierten Politiker in Großbritannien. Das Königreich hatte im Afghanistan-Krieg 457 Militärangehörige verloren. Premierminister Keir Starmer bezeichnete Trumps Aussagen als "beleidigend und wirklich erschreckend". Sie seien verletzend für alle, deren Angehörige in Afghanistan getötet oder verletzt worden seien. Er legte dem US-Präsidenten nahe, sich bei den Betroffenen zu entschuldigen.
Auch Prinz Harry, der selbst an einem Afghanistan-Einsatz teilgenommen hat und mittlerweile in den USA lebt, kritisierte Trump in ungewöhnlich scharfem Ton. "Ich habe dort gedient, ich habe Freunde fürs Leben gemacht. Und ich habe Freunde verloren", teilte er mit. "Diese Opfer verdienen, dass man mit Wahrhaftigkeit und Respekt über sie spricht."
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen nannte es "inakzeptabel, dass der US-Präsident das Engagement der verbündeten Soldaten in Afghanistan infrage stellt". Dänemark sei im internationalen Afghanistan-Einsatz eines der Nato-Länder mit den höchsten Verlusten gewesen, betonte die Regierungschefin.
Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz sagte, er erwarte Respekt für die polnischen Veteranen, "die bewiesen haben, wie sehr sie diesem Land und unseren Verpflichtungen gegenüber unseren Verbündeten dienen".
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA hatte die Nato zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Artikel 5 ausgerufen. Der Krieg dauerte 20 Jahre bis zum chaotischen Rückzug der Nato-Truppen 2021.
Quellen: Fox News, Bundeswehr, "Bild am Sonntag", BBC, Nachrichtenagenturen AFP und DPA