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Autobiografie: Verweilen mit Becker

Mit seiner Autobiografie wirft Boris Becker keine weitere Klatsch-Lektüre auf den Buchmarkt. In "Augenblick, verweile doch..." rechnet der Tennisstar verblüffend offen mit seinem Leben ab.

Vorteil Becker: Der Tennis-Star hat Wort gehalten und wirft mit seiner Autobiografie keine weitere Klatsch-Lektüre auf den Buchmarkt der Belanglosigkeiten. "Augenblick, verweile doch..." ist Boris Beckers verblüffend offene Abrechnung mit dem Tennis-Star, dem Steuersünder, dem gescheiterten Ehemann. Eine von Selbstzweifeln durchsetzte Lebensgeschichte, die Titel und Triumphe zuweilen als Fluch erscheinen lässt und Einblicke gewährt ins Seelenleben eines Mannes, der sich offensichtlich in der großen Welt oft allein gelassen fühlte.

Es gibt auf den 313 im großen Stil vermarkteten und von seinem Freund und Berater Robert Lübenoff verfassten Seiten manch Neues zu lesen über den dreimaligen Wimbledonsieger, den "17-jährigen Leimener", und Vieles, das mit Beckers teils selbstquälerischer Sicht aus neuem Blickwinkel betrachten werden kann.

Ex-Frau sagte TV-Auftritt ab

Tablettensucht, Steuerprozess, die Scheidung von Barbara - immerhin so viele Details, dass seine Ex-Frau nach der Lektüre auf einen gemeinsamen ZDF-Auftritt in "Wetten, dass...?" an diesem Samstag verzichtete.

Das Alpha-Tier

Bei allen Fragen, allen Fehlern: Becker lässt nie einen Zweifel daran, dass er sich als Alpha-Tier sieht, egal ob in seinem Verhältnis zu Frauen oder im Umgang mit seiner Umgebung. Er beschreibt die von ihm eingeleitete Trennung von seinem ersten Trainer Günther Bosch ("Der Mann, der meine Mutter war"), das teils schwierige Verhältnis zu Ion Tiriac, seinem langjährigen Manager. Immerhin darf Tiriac über Becker in einem der Kapitel schreiben: "Ich habe Fehler gemacht, einige. Er auch. Nur: Er erkennt sie nicht."

Dunkles Kapitel in der Wäschekammer

Der "Rote Baron" beschreibt sich als Frauen-Jäger, verschont den Leser jedoch mit intimen Details. Verhaltensmuster für unverhoffte Situationen gibt es nicht. "Ich will an dieser Stelle darauf verzichten, detailliert zu beschreiben, wie wir es gemacht, oder besser nicht gemacht haben", schreibt er über seine kurze Affäre mit dem Model Angela Ermakowa in einer Londoner Wäschekammer. Ein Kapitel, das dem dreifachen Vater noch immer schwer zu schaffen macht - doch Becker nimmt sich in die Pflicht: "Ich will lernen, meine Tochter (Anna) zu lieben", die bei dieser Begegnung gezeugt wurde.

"Meine beiden Löwen"

Seine Söhne Noah und Elias geben Becker Halt: "Meine beiden Löwen. Mein ganzes Glück." Das innige und rührend beschriebene Verhältnis zu den beiden bildet den Rahmen für Beckers Buch, das er auch als Therapie ansieht: "Der Kampf um mein Leben und meine Seele hat mich endlich wieder zu einem Punkt gebracht, an dem ich den Mut habe, ehrlich zu mir zu sein."

Becker wird am 22. November 36 Jahre alt, er sieht sich "am Ende und Anfang zugleich". Dabei fühlt er sich wie in der Qualifikation bei seinem ersten Auftritt in Wimbledon 1984: "Und jetzt heißt das Turnier Leben."

DPA