Bilderbuchherbst Die Frau aus dem Bilderbuch


Vier Fotofrafen, vier Bände und unzählige schöne Frauen. Dabei gehen die Künstler gänzlich unterschiedlich an das Objekt der Begierde heran. stern.de stellt die Neuerscheinungen im Bereich Aktfotografie vor und verspricht Ihnen einen wahren Bilderbuchherbst.

Sie sind Feen, Gören, Lolitas, Diven aus der Stummfilmzeit. Sie heißen Lisa, Luna, Isabella, Irene, Shirin und Mirka, aber wer möchte eine Bilderbuchfrau schon beim Namen nennen, sie fest an eine Handvoll Buchstaben kleben?

Sie ist weit mehr als das, ist fleischgewordene Illusion, bildgewordene Weiblichkeit. Sie sprengt die Alltagsgrenzen, wenn sie sich leicht um Fabelwaldstämme biegt, rotzig frech in die Tiefen der Farbkiste greift, sich der Sonne entgegenstreckt oder mit ihrem Erscheinungsbild im Spiegel liebäugelt. Die Aufnahmen dieser Weibsbilder sind Emanzentraum- und albtraum und bereichern in vier wunderbaren Fotobüchern den Bücherherbst.

Uwe Ommer: Do it yourself

Uwe Ommer spart sich das routinierte Inszenieren immerwährender Männerphantasien und bekommt trotzdem genau das ins Bild, was Betrachteraugen lockt. Für den aktuell bei Taschen erschienenen Band "Do it yourself" gab er von ihm ausgewählten Frauen Kamera und fototechnische Kenntnisse in die Hand. Die Bitte: sich selbst zu in Szene zu setzen. Ideengebend für dieses Projekt war laut Ommer sein Kindermädchen Luna, das er nur mit Pumps bekleidet bei einer privaten Foto-Session im Ommerschen Haushalt überraschte. Luna ist wie auch die anderen Auto-Fotografinnen bildhübsch und sehr an ihrem Körper und dessen Wirkung interessiert. Viele der Frauen nutzen einen Spiegel für ihre Fotos, genießen bei den Aufnahmen ihren Anblick. Andere sind mutig, neugierig, probieren sich aus. Die Modelle konnten ihren Ideen freien Lauf lassen, bei technischen Engpässen, sprang Ommer als "Ghostphotographer" zur Seite, war dabei aber nicht männliches Voyeur-Auge. Die Mischung des Bildbands ist gelungen, der Spaß der Fotodamen sichtbar, spürbar und es breitet sich Leichtigkeit aus, die oft fehlt, wenn bei Aktbildern ein alleinherrschender Fotomeister die Damen in seine Bildergrenzen weist. Zwei der Modelle planen jetzt selbst eine Fotografinnenlaufbahn. Bleibt zu hoffen, dass sie ihren ehemaligen Kolleginnen vor der Kamera ebenso Freiraum lassen.

Tim Walker: I love pictures

Während in "Do it yourself" der Fokus auf der Enthüllung liegt, versteht sich derzeit kaum ein anderer Modefotograf so meisterhaft auf die Kunst der Verhüllung wie der Brite Tim Walker. In seinem kürzlich bei Hatje Cantz veröffentlichten Katalog "I love pictures" sind viele seiner für die amerikanische, britische, italienische und japanische Vogue gezauberten Aufnahmen versammelt. Blick für Blick taucht man tiefer in Walkers Märchen-, Traum- und Wunderwelten. Gern lässt man sich verführen. Gern tauscht man diese prachtvollen Farbszenarien gegen unterkühlten Hochglanzschick. Hier machen die Augen den Gefühlen Platz. Es wird wärmer im Bilderland. Die Frauen in "I love pictures" sind untrennbar eingebettet in die Komposition. Sie sind Paradisvögel, prachtvolle Blüten, die in dem von Walker gestalteten Umfeld beheimatet sind. Ihr Glanz und der Glanz ihrer Roben wird mit fotografischen Fingerspitzengefühl festgefroren, zum Betrachter getragen. Doch niemals werden die Bilder ganz mit der Welt des Betrachters verschmelzen können, denn diese Bildszenarien sind unantastbar. Die Aufnahmen leben in Kokons, die von der Alltagsflut, den Allerweltsbildern, bewahrt sind. Glücklicherweise.

Gilles Berquet: Mirka

Nur einer einzigen Frau widmet sich der französische Fotokünstler Gilles Berquet: seiner Muse Mirka. Diese zeigt ihm aber mehr als nur ein Gesicht. Gestaltenreich wandelt, turnt, geistert sie durch einen verwilderten Garten in Südfrankreich, zeigt sich als kühle Blonde, geheimnisvolle Maskenträgerin, androgyne Diva. Mit Blick auf die Bände "Do it yourself", in dem die Frauen den Auslöser selbst in der Hand halten und den aufwändig komponierten Aufnahmen des Foto-Regisseurs Walker ist der Band "Mirka" ein schönes Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit von Fotograf und Model. Berquet weiß dem Charme und Ideenreichtum Mirkas Raum zu geben und er versteht ihn ins Bild zu bannen. Die offene vertraute Verbindung zwischen Gilles Berquet und Mirka gibt dem Band Atem, Wind und Spannung. Und das genussvolle Spiel der beiden geht weiter. Das im Kehrer Verlag erschienene Buch enthält eine DVD, auf der Mirka im Bewegtbild posen, locken, spielen kann.

Walter Pfeiffer: Cherchez la femme!

Ebenfalls außergewöhnliche Einblicke für Fotokunstfreunde garantiert der aktuelle Band des legendären Züricher Künstlers Walter Pfeiffer. Die Bilder in "Cherchez la femme!" erzählen Geschichten von Schönheit und Glück, Widerstand und Hingabe. Oft biegen sich die Körper gierend nach Sein, scheinen den Bildrahmen sprengen zu wollen, zeigen ihre Kraft und beeindrucken mit Lebenenergie. Sie sind eigen. Die Fotografierten und die Art wie Pfeiffer sie fotografiert. Die Bilder überraschen durch ihre beiläufige Inszenierung, verführen durch ihre Individualität. Die Frauen in Pfeiffers Fotowelt sind nie nur Objekte, sie halten ein Teil der Darstellung in ihren Händen. Es macht großen Spaß bei ihren Verlockungsspielen zuzusehen. Sie werfen ihre Weiblichkeit hoch in die Luft und sind sich sicher dabei nicht verlieren zu können. Wie auch, bei diesen Bildern.

Sabina Riester

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