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Buchkritik zu "Typisch Deutsch": Ein Hoch auf die Autobahn!

Woran merkt ein Fremder, dass er in Deutschland ist? Warum ist Deutschland so beliebt? In seinem neuen Buch sagt Walter Krämer, was uns besonders macht. Das Ergebnis ist ebenso amüsant wie informativ.

Von Alexander Sturm

Zuletzt gab sich Walter Krämer eher zukunftspessimistisch. Unter dem düsteren Titel "Kalte Enteignung. Wie die Euro-Rettung uns um Wohlstand und Renten bringt" warnt er in seinem jüngsten Buch vor den Folgen der Währungskrise für die deutschen Sparer. Und im vergangenen Sommer prangerte er gemeinsam mit mehr als 250 Ökonomen in einem offenen Brief die deutsche Euro-Rettungspolitik als unberrschbares Risiko an.

In "Typisch Deutsch. Was uns von anderen unterscheidet" zeigt sich Krämer, im Hauptberuf Professor für Wirtschafs- und Sozialstatistik an der TU Dortmund, hingegen vergnügt. Denn "typisch deutsch" ist hier selten negativ gemeint - sondern oft durchaus stolz. "Ein Mensch vom Mars wird auf der Erde ausgesetzt. Woran sieht er, dass er in Deutschland ist?", fragt Krämer zu Beginn - es ist der Auftakt zu einem Rundumschlag, um die deutschen Gewohnheiten zu ergründen.

Bei der Brillenquote auf einem Spitzenrang

In 20 Kapiteln durchleuchtet der Autor, was die Deutschen von anderen unterscheidet und wie zu erklären ist, dass das Land in einer BBC-Umfrage auf Platz eins der beliebtesten Nationen weltweit landete: Von A wie Autoliebe über E wie Essen und G wie German Angst bis S wie Sauberkeit. So erfährt der Leser, dass die Liebe der Deutschen zu ihren Autos so weit geht, dass keine Organisation außer die beiden großen Kirchen mehr Mitglieder als der ADAC hat, die berühmten deutschen Autobahnen aber anders als häufig vermutet nicht von den Nazis gebaut wurden. Oder dass die schwäbische Hausfrau mehr ist als ein Schlagwort von Politikern: Nur die Franzosen legen ähnlich viel von ihrem Einkommen wie die Deutschen zurück, was immerhin dem fünffachen Spareifer der Amerikaner entspricht.

Ebenso zeigt Krämer, dass die Deutschen so gerne Regeln schaffen, dass sie bereits 1917 das "Deutsche Institut für Normung" in Berlin gründeten und Mark Twain schon 1848 bemerkte, dass auffällig viele Deutsche eine Brille tragen. Und das stimme noch heute. Selbstverständlich bleibt auch ein Loblied auf die herausragende Qualität deutscher Produkte nicht aus - verbunden mit der beeindruckenden Rechnung, dass ausländische Käufer für Waren mit dem Siegel "Made in Germany" zusammengerechnet 200 Milliarden Euro mehr zu zahlen bereit sind. Auch die vielbesungene Wanderlust darf nicht fehlen: Zu ihr bekennen sich laut Krämer etwa die Hälfte der erwachsenen Bundesbürger und schätzen dabei verlässliche Wegweiser - was wiederum dem Deutschen Institut für Normung Anlass genug war festzuschreiben, dass "Wegweiser in Form eines Pfeils zu gestalten sind". Typisch deutsch eben.

Gutes Mittel gegen deutsche Übellaunigkeit

Zwar ist Krämer wahrlich nicht der erste, der über typisch deutsche Tugenden nachdenkt; viele Punkte dürften kaum überraschen: Der deutsche Mittelstand etwa, die D-Mark, die berühmte Pünktlichkeit oder das deftige Essen. Doch Krämer gelingt es, auch diese Kapitel kenntnisreich und mit so viel Humor zu erzählen, dass man gerne noch mehr dazu weiß. Dass er das mit wissenschaftlicher Akribie und tiefer Recherche tut, macht die Sache umso lehrreicher.

Und so werden sich in "Typisch Deutsch" nur diejenigen langweilen, die Krämers Ansichten aus seinen zahlreichen anderen Büchern kennen - beispielsweise seinen Widerstand gegen Anglizismen in der deutschen Sprache oder seine Kritik an den überängstlichen Deutschen. Für alle anderen ist das Buch ebenso informativ wie unterhaltsam - und nebenbei ein gutes Mittel gegen die deutsche Miesepetrigkeit.

"Typisch Deutsch. Was uns von anderen unterscheidet" (280 Seiten, 24,90 Euro) von Walter Krämer ist am 23. September bei Berlin University Press erschienen.