VG-Wort Pixel

Coes neuer Schelmenroman Das Navi und die totale Einsamkeit


Mit seinem Navi im Auto kann er besser reden als mit der Tochter im Restaurant. Maxwell Sim ist ein furchtbar einsamer Mann, aber auch der sehr unterhaltsam erzählende Titelheld in einem neuen Schelmenroman des Briten Jonathan Coe.

Eine schöne Schlüsselszene gleich zum Auftakt: Maxwell Sim bestaunt in einem australischen Restaurant zwei ganz aufeinander konzentrierte Menschen beim Kartenspiel. Mit schmerzlich geöffneten Sinnen beneidet er sie: "Die beiden wirkten so glücklich zusammen. Niemand war auch nur annähernd so ein Herz und eine Seele wie die Chinesin und ihre Tochter." 400 Seiten schickt der englische Autor Jonathan Coe danach den Titelhelden seines neuen Romans auf eine wilde, komische, hoffnungslose und oft rührende Jagd nach dem, was er den beiden weiblichen Wesen anzusehen glaubt: Dass sie gemeinsam die Einsamkeit überwunden haben.

Maxwell fehlt absolut jedes Rüstzeug dazu. Mit seinem Vater sitzt er im fernen Sydney genauso krampfhaft und wortlos im Restaurant wie im heimischen England mit der pubertierenden Tochter Lucy oder seiner fortgezogenen Ex-Frau. Absolut überzeugende Angebote für eine gemeinsame und von ihm innig erhoffte Nacht mit der früheren Freundin Alison weist er unbeholfen ab. Ersatzweise klaut er ihr zwei Flaschen Single Malt der Premiumklasse. "Gespräche" kann er am ehesten noch mit "Emma" führen, dem Navi seines Firmenwagens. In dem soll Maxwell eigentlich ökologisch hochwertige Zahnbürsten in den Norden Schottlands bringen und auf den Shetlands möglichst noch verkaufen.

Eine locker lesbare Schelmengeschichte

Aber auch das geht gründlich schief. In "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim" lässt Coe Maxwell als sich selbst durchschauenden Ich-Erzähler berichten. Er liefert dabei eine witzig-melancholische Geschichte ab, bei der sein trauriger Held auch immer das Leid eines gescheiterten und schließlich irre gewordenen Weltumseglers namens Donald Crowhurst vor Augen hat. Der schaukelte so einsam auf dem Ozean umher, dass irgendwann einfach niemand mehr wusste, ob es ihn überhaupt noch gab. Bei Maxwell Slim weiß es immerhin noch der Satellit mit Verbindung zum Navi (Max: "Emma, so langsam wird mir alles klar. So langsam kriegt alles seinen Sinn." Emma: "Folgen Sie dem Straßenverlauf.").

Coe lässt Max am Ende zur Besinnung sowie zur Erfüllung bestimmter Wünsche und den Leser zu einem verblüffenden Showdown kommen. Viel zu melodramatisch leider zum Abschluss dieser vorher locker lesbaren Schelmengeschichte voller schöner Beobachtungen zum alltäglichen Irrsinn mit und ohne Navi.

Thomas Borchert/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker