Elke Heidenreichs "Weiterlesen!" Frau Heidenreich will Bücher verbrennen


Der Bücherherbst wartet mit vielen spannenden Neuerscheinungen auf - doch stern.de-Kolumnistin Elke Heidenreich mistet erst einmal gründlich aus. Dabei greift sich zu rabiaten Maßnahmen.

Ich bin zu spät dran mit dieser Kolumne. Ich hatte keine Zeit. Ich musste Bücher auf- und aussortieren. Ich musste ein paar tausend (!) Schallplatten wegschmeißen. Ich musste alte Zeitschriften mit blöden Geschichten über mich zum Altpapier schleppen. Ich saß heulend im Keller und auf dem Speicher und habe vor 20 Ordner mit Korrespondenz getreten. Ich habe Druckfahnen zu neuen Büchern, die ich lesen soll, einfach umgedreht und benutze die jetzt als Schmierpapier. Ich habe eine Bibliothek angerufen und gesagt: Kommt mit einem Lastwagen, holt alles ab!

Jetzt kann ich etwas freier atmen, aber es wächst schon wieder zu. Ich lese immer noch gern, ab und zu jedenfalls. Aber ich kann keine Bücher mehr im Haus ertragen. Ich sehne mich nach freien Wänden. Ich will diese mit Tausenden von nie mehr gelesen werdenden Büchern vollgestopften Angeberregale nicht mehr haben! Andererseits, wenn die Ölkrise kommt, kann ich meine Bücher verheizen, ich habe einen Kamin. Das darf man im Land der Bücherverbrennungen natürlich nicht laut sagen, aber stellen Sie sich mal die acht Bände Geschichte der Arbeiterbewegung vor - die haben mal antiquarisch 200 DM gekostet, steht noch drin. Die heizen allein drei Abende, schätze ich.

Brauche ich die Goethe-Gesamtausgabe wirklich?

Wie machen das andere Leser, andere Kritiker? Muss man alles verwahren? Brauche ich die Goethe-Gesamtausgabe wirklich? Schiller, ja gut, aber Goethe? Brauche ich irgendeines der Bücher von der neuen Longlist für den deutschen Buchpreis? Allenfalls Herta Müller. Aber da stehen so gruselige Sachen drin wie die, dass im Lager einem Brotdieb alle Zähne ausgehauen werden, damit er niemals mehr altes Brot stehlen und essen kann. Brauche ich das, um zu wissen, wie der Mensch tickt, muss das in meinem Regal stehen und mich mahnend ansehen?

Die wundersame Büchervermehrung passiert täglich, und immer noch fragen mich Leute: "Wie viele Bücher haben Sie denn?" Oder, noch blöder: "Haben Sie die alle gelesen?" Und dann fliehe ich in eine Kneipe, wo kein einziges Buch ist, und versinke und lese und finde wieder was und stelle es ins Regal, und so geht das ewig weiter.

Lesen Sie Peter Henning. Was Jonathan Franzen konnte, kann Peter Henning auch. Naja, vielleicht noch nicht ganz so souverän, aber es ist - neben Johanna Adorjans fulminantem Roman "Eine exklusive Liebe" - mit Sicherheit das beste deutsche Buch in diesem Jahr, steht natürlich NICHT auf der Liste zum deutschen Buchpreis. Der Roman heißt "Die Ängstlichen" und erzählt von einer Familie aus Hanau, deutsche Provinz, jaja, Gebrüder-Grimm-Stadt, aber die sind ja nun auch schon lange tot. Da begegnen wir dem ganzen Schrecken deutschen Familienlebens, und dabei hätte jeder der Protagonisten, vom Autor fein eingefädelt, einen Moment in seinem Leben, wo er alles zum Guten ändern könnte - der Moment geht vorbei wie das Gewitter über Hanau, und hinterher ist alles so verkorkst wie vorher. Die Ängstlichen trauen sich nicht und bleiben im bekannten Muff stecken.

"Winter in Maine" von Gerard Donovan, auch so ein Knaller, das könnte ein Kultbuch werden wie Marlen Haushofers "Die Wand": Mann mit Hund (und dreitausend Büchern!!!) in Wildnis, Hund wird erschossen, Mann wird zum Serienkiller. Soviel in Kurzform, aber es ist viel mehr, es geht um das Raubtier in uns, um Einsamkeit, um verlorene Liebe und verlorene Maßstäbe, und das Furchtbare ist: Unsere Sympathie ist immer auf der Seite des Mörders.

Wir fassen zusammen: Frau Heidenreich will Bücher verbrennen, weidet sich an spießigen Familien und liebt Mörder. Ich sag Ihnen noch was: bei Hungersnot - ich würde keine Minute zögern und meine Katze essen. Sie sehen, ich bin wirklich total autark. Grrrr.


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