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TV-Kritik "Anke hat Zeit": Aber bitte mit Anspruch

Anke Engelke talkt wieder. Über Kultur und ihre persönlichen Vorlieben. Und das alles ohne Hektik. Die Idee ist gut, doch eines braucht die Moderatorin noch: Zeit, um bei sich anzukommen.

Von Simone Deckner

Es fängt schon mal gut an: Im Vorspann zu ihrer neuen Talkshow sieht man Anke Engelke auf dem Fensterbrett hängen. Unterarme auf dem Kissen wie einst Elke Heidenreichs beliebte Kunstfigur Else Stratmann. Die Metzgersgattin aus Wanne-Eickel verbrachte ihre Tage damit, aus dem Fenster zu gucken und Nachbarn in Gespräche zu verwickeln, die diese nicht führen wollte. Das Leben according to Else war lustig und brachte oft Erhellendes. Nicht zuletzt die Erkenntnis: Zeit verschwenden kann wunderbar sein.

Der WDR schickt nun Anke Engelke mit "Anke hat Zeit" auf Sendung. Sie will entschleunigen, wo sonst dauernd auf die Tube gedrückt wird. Engelke übernimmt die Sendung von Helge Schneider. Der schmiss direkt nach zwei Sendungen hin. Und macht jetzt wieder das, worauf er Lust hat. In diesem Fall: In der plüschigen Bühnendeko am Klavier sitzen, improvisieren und ulkig aussehen.

Alles betont bedächtig

Dass der Name Programm ist, macht die erfahrene Moderatorin (sie fing mit 13 Jahren im Radio an) gleich zu Beginn klar: Seelenruhig stöckelt sie in den Kölner Stadtgarten. Ihre Anmoderation: betont bedächtig. Mittendrin fängt sie an zu singen, als sei sie noch unter der Dusche. So sollte auch der letzte der "Ich-habe-eine-Aufmerksamkeitsspanne-von-unter-30-Sekunden"-Zuschauer begreifen: Das, was nun folgt, wird anders als das, was man sonst so wegkonsumiert. In einer Welt voller Burger-Buden ist "Anke hat Zeit" das Restaurant mit dem Fünf-Gänge-Menü. Und dem Espresso danach.

So zumindest der Anspruch. Die Show soll wie eine gute Freundin sein, die einem Kultur-Tipps gibt. Kennst Du diese tolle neue Musikerin schon? Hast Du das Stück von dem Dingenskirchen schon gesehen? Den Roman musst Du lesen! Engelke geht dabei vor wie Kollegin Ina Müller. Die lädt sich zu "Inas Nacht" auch nur Künstler ein, die sie selber spannend findet.

"You need to make a dings"

Was Engelke so spannend an Schauspielerin Caroline Peters, ihrem ersten Gast findet, weiß man nach dem Gespräch leider nicht. Dafür erfährt man, dass Peters Wiener Theatergänger irgendwie viel kultivierter findet als die deutschen. Die würden immer nur Husten simulieren und im Programmheft rascheln, wenn ihnen ein Stück nicht gefiele. Sie selbst gehe hingegen öfter einfach mal raus, Aufsehen hin oder her.

Entspannter ist Engelke beim Small Talk mit Sängerin Lianne la Havas, die sie im kruden Denglisch interviewt: "You need to make a dings, a new record", fordert sie die Musikerin auf und quetscht die sichtlich Amüsierte minutenlang über den aktuellen Status ihres Liebeslebens aus. Zu der jungen Theaterautorin Katja Brunner, die ein preisgekröntes Stück über Missbrauch und Inzest geschrieben hat, sagt Engelke: "Ich hatte vor dem Lesen Angst. Weil ich selbst Kinder habe."

"Du solltest nicht so oft fluchen"

Alles ist persönlich. Journalistische Distanz sucht man hier vergebens. Dass Engelke alle Aussagen ihrer Gäste auf sich bezieht, fällt vor allem im Gespräch mit der Schweizer Sängerin und Songwriterin Sophie Hunger unangenehm auf. Die hat so ein ganz anderes Verständnis von Pop. Beide reden minutenlang aneinander vorbei und beharken sich am Ende verbal. "Anke ist viel weniger schlagfertig als man denkt", sagt Hunger. Die returniert mit einem "Ich wollte dir deine Angst nehmen." Am Ende gibt Hunger Engelke noch einen guten Rat mit auf den Weg: "Du bist eine so schöne Frau, aber wenn Du fluchst, bist du nicht mehr so schön."

Natürlich darf sie trotzdem singen. Ein Bratschist darf bratschen und der Moderatorin ein paar Handgriffe zeigen. Zwei Illustratoren, die nicht interviewt werden wollen, haben vorher Dinge aufgezeichnet, die eingespielt werden. Ein Philosoph versucht zu erklären, warum es die Welt eigentlich gar nicht gibt und ein Jazzsänger macht vor, wie man Loops auf dem Rechner fabriziert.

Anke braucht noch etwas Zeit

Wie im Flug vergeht die Zeit dennoch nicht. Dazu wirkte Engelke in weiten Teilen noch zu angespannt. Zu oft noch scheint das Bemühen durch, jetzt aber wirklich etwas ganz Anspruchsvolles zu machen. Etwa dann, wenn die Gäste in gefühlten zehn Minuten Passagen eines Theaterstückes vorlesen.

Aber gegen Shitstorms wird sie gewappnet sein. 2004 ist sie bei SAT1 grandios mit "Anke Late Night" gescheitert. Trotzdem wagt sie sich nun beherzt wieder in den Ring. Man möchte der unbestritten großartigen Anke Engelke zurufen: Versuche nicht alles, was die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Sachen Bildungsauftrag in den vergangenen Jahren versäumt haben, auf einmal auszubessern! Geben wir ihr, was sie braucht, um aus dieser Show auf einem kleinen Sender große Fernsehunterhaltung zu machen: Zeit.