Elke Heidenreichs "Weiterlesen!" So viel Weihnachten war nie


Angesichts des nahenden Weihnachtsfestes macht sich stern.de-Kolumnistin Elke Heidenreich so ihre Gedanken über die ideale Krippe. Und erzählt eine Geschichte, bei der es einem warm ums Herz wird.

Ich hatte es ja versprochen: So viel Weihnachten war nie. Kann ich aber nicht ganz halten, denn so viel Weihnachten ist immer, und es wird immer mehr. Ab August Marzipankartoffeln und Lebkuchen, ab September Nikoläuse, ab Oktober Glühwein, ab November Gedudel in der ganzen Stadt. Am liebsten bliebe man von November bis zum Jahresende zuhause, um diese Weihnachtsmärkte nicht sehen zu müssen.

Aber, die gute Nachricht: Krippenfiguren - Maria im blauen Umhang, Josef mit Bart, Heilige drei Könige schwarzgemalt – müssen Sie da bitte nicht kaufen. Bitte klicken Sie sofort mal eben Kookbooks.de an. Gehen Sie auf Oliver Fabel. Ich bin nicht am Geschäft beteiligt, aber ich sage Ihnen: Fabel verbannt alle gängigen Krippen ins Reich der Fabel (Verzeihung). Er hat die einzig wahre Weihnachtskrippe geschaffen, nämlich Krippe, elfteilig, in Schiebeschachtel, bestehend aus 9 großen und 2 kleinen rechteckigen, hellen Holzklötzchen. In schwarzer Farbe und einfacher Schrift steht darauf gedruckt:

König
König
König
Ochse
Esel
Schaf
Hirte
Maria
Josef

Und dann, etwas kleiner:

Jesus
Krippe.

Die Krippe ist ausgehöhlt, das Klötzchen Jesus passt perfekt in das Klötzchen Krippe, Teelicht davor, Tannenzweig, wenn's sein muss, Krippe elfteilig in Schiebeschachtel, 25 Euro, schöner und klarer, bauhausmäßiger ward das nie. Großartig. Kalender, Kalender, Kalender. Katzen. Literatur, Opern, Gemüse, Dichter, Gletscher, Garten, Küchen, es ist alles da, und ich erzähle Ihnen jetzt mein schönstes Kalendererlebnis.

Neulich in Dresden, nach einer Lesung, ein paar Biere in der Altstadt. Ich will allein ins Hotel zurück, lehne Buchhändlerbegleitung ab, nehme den riesigen, acht mal zehn Meter oder so großen Katzenkalender mit, den man mir geschenkt hat (jeder schenkt mir immerzu wegen "Nero" Katzenkalender, ich will aber nur den Literarischen von Schöffling, bitte) und laufe los, es ist halb eins nachts. Ich verlaufe mich innerhalb von nur fünf Minuten so granatenmäßig, dass keine Altstadt mehr zu ahnen ist und ich auf einer leeren Schnellstraße stehe. Kein Ort, nirgends. Auch kein Taxi. Auch kein Mensch. Natürlich mal wieder kein Handy. Aber eine Straßenbahnhaltestelle. Ich warte zwanzig Minuten und bete, irgendwer möge aussteigen. Ein junger Mann steigt aus, ich frage ihn nach meinem Hotel. Er antwortet in tiefstem Sächsisch Folgendes: "Kenn' ich. Kann ich Sie hinbringen. Ist auch mein Weg. (Wääsch) Aber ich geh' nicht über diese Straße, ich geh' durch die Hinterhöfe und Gärten. Ist kürzer. Wenn Sie denken, ich tu' Ihnen was an, gehen Sie lieber nicht mit. Sonst können wir jetzt."

Gehen Sie nie ohne Kalender aus dem Haus

Ich hatte das Gefühl, er täte mir nichts an, aber schön, dass er mich drauf hingewiesen hat, oder? Wir gehen los, über einen Zaun, durch zwei Gärten, über eine Wiese, durch eine Tiefgarage, die oben bei meinem Hotel wieder rauskommt. Ich bin unbeschadet, er zeigt: "Da!" Ich gebe ihm den Katzenkalender und sage: "Der ist für Sie. Wenn Sie mir was angetan hätten, hätte ich Ihnen den auf den Kopf gehauen." Er findet das in Ordnung, nimmt den Kalender und hat hoffentlich eine Wand, groß genug, damit er hinpasst.

Was will uns Frau Heidenreich damit sagen? Gehen Sie nie ohne Kalender aus dem Haus, schon gar nicht in Dresden.

Und zum Schluss das beste Buch der letzten Monate, wer das nicht liest, verpasst mal wieder was: Colum McCann, "Die große Welt", Rowohlt. Sehr dick, sehr schön und die ganze große Welt durch das Vergrößerungsglas eines Schriftstellers betrachtet, der Menschen liebt, begreift, beschreiben kann: Mütter, die ihre Söhne in Vietnam verlieren, Frauen, die sich prostituieren, ein Priester, der Gott vergeblich sucht, ein Mann, der auf einem Seil zwischen den Türmen des World Trader Center entlang geht. Das ganze Wunder des Lebens, das ganze Glück und Elend von uns Menschen, die wir leidend, böse, begabt, gleichgültig, ach: lebendig sind - alles in diesem einen unbeschreiblich schönen, dichten Buch, dessen Geschichte aus Stimmen in New York im Jahre 1974 besteht, als Nixon "regiert" und die jungen Männer in Leichensäcken aus Vietnam kommen. Kaufen, lesen, weiterschenken. Es ist nicht mehr viel los mit der alten Garde in Amerika: Pynchon immer kryptischer, Updike tot, Roth langweilig. O'Nan, Boyle, Franzen, McCann- that's it.


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