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Google-Doodle zum 106. Geburtstag von Simone de Beauvoir: Die intellektuelle Vordenkerin der Emanzipation

Hätte sich der Berufswunsch der jungen Simone de Beauvoir erfüllt, hätte der Humanismus eine seiner wichtigsten Philosophinnen an Gott verloren. Heute wäre sie 106 Jahre alt geworden.

Von Oliver Noffke

Als ihrem Vater klar war, dass er seinen Töchtern keine angemessene Mitgift zahlen konnte und sie deshalb wohl eine Ausbildung machen müssten und ledig bleiben würden, kam das Simone de Beauvoir eigentlich ganz gelegen: Als Kind wollte sie Nonne werden. Aber schon mit 14 Jahren verlor de Beauvoir ihren Glauben. Für die Eltern und ihre Lehrer an einer katholischen Mädchenschule war das ein Schock. Damit zeigten sich jedoch die ersten Anzeichen einer selbstreflektierten jungen Frau, die später zu einer der wichtigsten Vordenkerinnen des 20. Jahrhunderts werden würde. Sie lieferte das philosophische Gedankengerüst für die Emanzipation und wurde zu einer Ikone der Frauenbewegung.

Während sich de Beauvoir auf ein Studium in Philosophie vorbereitete, lernte sie Jean-Paul Sartre kennen. Es entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft und innige Beziehung der beiden, die besonders auf ähnlichen Ideen fußte. Beide wurden sie zu Vordenkern des Existentialismus, der humanistischen Auffassung dessen, dass das Wesen des Menschen seine Existenz ist. Im politischen Chaos der 1930er und 40er Jahre gehörte de Beauvoir zum intellektuellen Widerstand im besetzten Frankreich.

Im Gegensatz zu de Beauvoirs Kampf gegen den Faschismus war ihr Verhältnis zu den kommunistischen Ideen kompliziert. Sie kritisierte den grenzenlosen Konsum in den USA und traf sich 1960 mit Che Guevara auf Kuba. Dass der Kommunismus jedoch den Stand der Frauen in der Gesellschaft verändern würde, hielt sie für illusorisch. Gemeinsam mit Sartre unternahm sie ein Vielzahl ausgedehnter Reisen, scheute sich weder vor arktischer Kälte in Lappland noch vor realer Gefahr in Nordafrika kurz vor Beginn des Algerienkrieges.

Bis heute arbeiten Gender-Forscher und Philosophen zu, Werk von Simone de Beauvoir. Ihre Bücher und Aufsätze haben Generationen begeistert und waren ein wichtiger Schritt zu einem modernen, gleichberechtigten Frauenbild. Insbesondere ihre Studie "Le Deuxième Sexe" von 1949, die unter dem Titel "Das andere Geschlecht" 1951 in Deutschland erschien, brachte den Unterschied zwischen Anthropologie und gesellschaftlichem Zwang auf den Punkt: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es." Als 1968 die sexuelle Revolution den Feminismus hervorbrachte, wurde sie zu einer der ersten großen Stimmen dieser Bewegung.

Heute wäre Simone de Beauvoir 106. Jahre alt geworden. Google feiert eine der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts mit einem Doodle.