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Harry Potter: Exklusiv!!!

Wollen Sie wissen, wie Harry Potter wirklich ist? stern-Redakteurin Ildikó von Kürthy traf ihn zum Erscheinen des neuen Bands "Harry Potter and the Half-Blood Prince". Es war eine zauberhafte Begegnung, bei der alles mit rechten Dingen zuging. Fast alles.

Ich traf ihn im Verbotenen Wald, unweit der Peitschenden Weide. Und natürlich war ich nervöser, als man es gemeinhin als erwachsene Frau ist, die einem Halbstarken mit Nickelbrille und unentschlossenem Bartflaum begegnet. Ähnlich aufgeregt war ich nur bei meinem ersten Zusammentreffen mit dem von mir sehr verehrten Frank Elstner und vor dem Interview mit Petrosilius Zwackelmann für unsere Rubrik "Was macht eigentlich É?". Letzteres wurde leider bis heute nicht gedruckt, weil einer meiner Vorgesetzten barsch behauptet: "Petrus wer? Den kennt doch keiner!"

Seit fünf Jahren bemüht sich der stern um ein Treffen mit Harry Potter. Das mag für den Laien nach sehr großem Durchhaltevermögen klingen, was daran liegt, dass Sie keine Ahnung haben, wie lange wir schon an Urmel, Frau Mahlzahn und Pu dem Bären dran sind.

Wobei, das muss man sagen, der Potter-Junge natürlich die psychologisch interessanteste Figur ist. Wenn man praktisch von Geburt an einen mächtigen Todfeind hat, der es immer wieder darauf anlegt, einen möglichst bestialisch zu ermorden, das beeinflusst die seelische Entwicklung schon irgendwie. Außerdem ist Harry James Potter ein Star, was ihm ab und zu auch mal zu Kopfe steigt. Man erinnere sich nur daran, wie superbeleidigt er war, als sein bester Freund Vertrauensschüler wurde. Nein, kein feiner Zug.

Kurz nach Harrys Geburt wurden seine Eltern vom tyrannischen, grausamen Lord Voldemort umgebracht. Aber als der Schuft auch das Baby töten wollte, brach seine Macht seltsamerweise in sich zusammen. Er floh und hinterließ das Kind, unverletzt, mit einer wie ein Blitz geformten Narbe auf der Stirn. Elf Jahre später, die Harry nichtsahnend bei seinen komplett bescheuerten einzigen Verwandten in der Welt der Muggel (also der unsrigen, der nichtmagischen) verbracht hatte, wurde ihm mitgeteilt, dass er ein Zauberer sei und seine siebenjährige Ausbildung in der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei anzutreten habe.

Jahr um Jahr hatten verschiedene stern-Kollegen jeden Sommer mehrere Eulen mit Interviewanfragen nach Hogwarts geschickt. Im Oktober 2002 ist es einem leitenden Mitarbeiter sogar gelungen, sich eine Handvoll Flohpulver zu besorgen, mit dem man durch offene Kamine in die magische Welt reisen kann. Er wurde jedoch von einem Flohnetzwerkaufseher abgefangen und kam unverrichteter Dinge zurück. Er macht bis heute einen verstörten Eindruck und behauptet, von einem Schrumpfhörnigen Schnarchkackler verfolgt worden zu sein, lächerlich, wo doch jedes Kind weiß, dass es die Schrumpfhörnigen Schnarchkackler gar nicht gibt.

Potter kam

eine Viertelstunde zu spät. Es ist sicherlich nachvollziehbar, wie verdammt lange sich fünfzehn Minuten im Verbotenen Wald hinziehen können für jemanden, der schon einen Mörderschiss kriegt im halbdunklen Flur eines Mehrfamilienhauses in bevorzugter Lage. Ich wusste schließlich alles über diesen Ort, hatte sorgfältig recherchiert, ach, profundes Wissen kann ja manchmal so belastend sein. Man denke nur an Aragog, den blinden Fürsten der Spinnen, und seine blutrünstige Brut, die Potter damals auffressen wollte. Und hatte nicht Magorian, einer der Zentauren, wütend angekündigt, dass kein menschliches Wesen im Zauberwald mehr geduldet würde?

Ich klammerte mich beunruhigt an mein Gastgeschenk. Lange hatte ich überlegt, was ich mitbringen könnte, und mich schließlich für etwas in seiner Lebenssituation Nutzbringendes entschieden. Ein Buch, das es garantiert in der Bibliothek von Hogwarts nicht gibt. Da haben die zwar "Gammeln mit Ghulen" von Gilderoy Lockhart, das "Handbuch der Hippogreif-Psychologie" und "Die Entnebelung der Zukunft" von Kassandra Wablatschki, aber gar nichts Handfestes, was Menschen in diesem schwierigen Alter wirklich interessiert. Nachdem Harry im vergangenen Jahr seine Mitschülerin Cho geküsst hatte, sehr verwundert war, dass sie daraufhin in Tränen ausgebrochen war, und er beim darauf folgenden Rendezvous alles komplett falsch gemacht hatte, wusste ich sofort, was in der Zauberschule fehlt. Nicht ohne Stolz habe ich nun mit der letzten Eulenpost erfahren, dass in Hogwarts "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" seither ohne Unterbrechung ausgeliehen ist.

Nachdem Harry Potter auch das vierte und fünfte Schuljahr überlebt hatte, hatte die stern-Anfrage zum Beginn des sechsten endlich Erfolg. Es war uns gelungen, den Vater von Ron, Arthur Weasley, für unsere Sache zu gewinnen. Er arbeitet im Zaubereiministerium in der Abteilung für "Missbrauch von Muggelartefakten", also mutwillig verzauberten Gegenständen aus unserer Welt. In der Vergangenheit hatte er es zum Beispiel mit einem von schlimmem Schluckauf gepeinigten Toaster und Däumchen drehenden Lederhandschuhen zu tun.

Jedenfalls ist Arthur Weasley ganz versessen auf alles, was mit Muggeln zu tun hat. Besonders faszinieren ihn unsere elektrischen Geräte, da es in der Zauberwelt keinen Strom gibt. Ich möchte nicht unbescheiden wirken, aber nachdem die Zusendung eines iPods und einer Digitalkamera überhaupt keine Reaktion bei Herrn Weasley hervorgerufen hatten, war es wohl letztendlich meine sehr alte Moulinette, kaputt übrigens, die das Eis zum Schmelzen brachte.

Kein Geräusch

hatte mich vorgewarnt. Harry Potter tauchte wie aus dem Nichts unter seinem unsichtbar machenden Umhang vor mir auf. Ich fiel vor Schreck fast um, beruhigte mich aber schnell, als ich bemerkte, dass der Junge selbst total nervös war. Sein Händedruck war eher wie das kurzfristige Überlassen einer unbeteiligten Hand zum Geschütteltwerden. Direkt in die Augen mochte er mir auch nicht sehen. Na ja, kein Wunder, wenn man bedenkt, was er für Presse-Erfahrungen mit Rita Kimmkorn, der unseriösen Kollegin vom "Tagespropheten", gemacht hat. Jedoch, auch wenn es einige nicht gern hören werden, man muss es einfach sagen: Harry Potter ist ein ganz normaler Junge, abgesehen davon, dass er in der Lage ist, kringelige Schweineschwänzchen an die Gesäße von Leuten zu zaubern, die ihm auf den Wecker gehen.

Harry ist auf die Weise normal, wie es fünfzehnjährige Typen in der Regel sind: Kriegen die Zähne nicht auseinander, wenn sie was gefragt werden, reden nur dann, wenn es um Sport geht, und verstummen vollends unter gleichzeitiger bedrohlich signalroter Verfärbung, wenn man betont locker ein klitzekleines bisschen über Mädchen, Knutschen und solche Sachen erfahren will. Im Nachhinein frage ich mich schon, warum Potters Schulleiter auf Autorisierung der Zitate bestanden hat. Für die zwei Dutzend "Ähs" und "Hmms" hätte man nicht extra eine Eule schicken müssen.

Um die Situation zu entspannen, bat ich Harry, ein bisschen Licht zu zaubern. "Lumos", sagte er fast gelangweilt, sein Zauberstab fing an zu leuchten, und ich tat total begeistert, obschon ich mir was Imposanteres erhofft hatte. Dann erkundigte ich mich, ob man mit dem Zauberspruch "Reparo!" nicht nur zerbrochenes Geschirr, sondern eventuell auch faltige Augenpartien dauerhaft reparieren könne, und erzählte leichthin, dass Tausende von Muggelkindern in Harry-Potter-Bettwäsche schlafen.

Das schien ihm unangenehm zu sein, und er wurde schon wieder so bedrohlich rot, dass ich ihn zur Ablenkung fragte, welcher Mannschaft er dieses Jahr die größten Chancen beim Quidditch einräume. Quidditch wird auf fliegenden Besen gespielt, man kann Tore schießen, und wenn der so genannte Sucher, in seiner Mannschaft ist das Harry, den Goldenen Schnatz, einen kleinen, geflügelten Ball, fängt, gibt's 150 Punkte, und das Spiel ist aus. (Na ja, oder so ähnlich, hat mich nie sonderlich interessiert.)

Herrje, der Junge taute

so was von auf! Sein ansonsten eher blasses Gesicht bekam einen Hauch von Farbe, und er benutzte in fünf Minuten an die siebzigmal das Wort "Schnatz"! Mir wurde ganz wirr, die knappe Zeit verflog, und ich fragte unvermittelt, um Potters Redestrom etwas entgegenzusetzen und meinem Ruf als knallharter Reporterin gerecht zu werden: "Wie geht's eigentlich Lord Voldemort? Rechnen Sie im nächsten Schuljahr mit erneuten Angriffen seinerseits?"

Na, der Junge wurde so grün, als hätte er versehentlich Kollapskekse und Würgzungen-Toffees gleichzeitig gegessen. Seine Antwort war verwirrend, erschreckend, gespickt mit vielen "Ähs" und wurde leider vom Schulleiter nicht autorisiert. Ich kann nur so viel sagen: Augen auf bei der Zeitungslektüre! Dunkle magische Botschaften werden angeblich durch einige Medien verbreitet, und, Obacht!, sollte Ihnen jemand heimlich von einem Foto im Feuilleton einer überregionalen Tageszeitung aus zuwinken oder Sie gar bedrohen oder unauffällig das Foto in Richtung Sportteil verlassen wollen, schicken Sie bitte sofort eine Eule.

Für jemanden, der ständig edelmütig und tollkühn Leute vorm Tode rettet, habe ich Harry Potter als recht schüchternen Menschen empfunden. Mit Monstern, Todessern, Flubberwürmern und den schneckenartigen, stinkenden Eiter absondernden Bubotublern scheint sich der Junge sicherer zu fühlen als im Exklusiv-Interview mit einem vergleichsweise harmlosen Muggel.

Natürlich ist es nicht einfach für Harry Potter, über seine Verluste und Ängste zu sprechen. Das muss man als einfühlsamer Mensch verstehen. Der Tod seines Paten ist noch kein Jahr her, ein Mitschüler starb an Harrys Seite, seine Eltern wurden getötet beim Versuch, ihn zu beschützen. Das sind reichlich Tote im Leben eines Fünfzehnjährigen.

"Ihr Pate Sirius

hat mal gesagt: Im Alter von fünfzehn sind eine Menge Leute Idioten", wollte ich gerade feinfühlig das Gespräch ins Emotionale lenken, als etwas Schreckliches geschah! Ich weiß leider nicht genau, was, da ich auf der Stelle davonrannte und hinter mir nur noch ein ohrenbetäubendes, markerschütterndes Grunzen und ein abnorm schrilles Kreischen hörte, das, wie sich später herausstellte, von mir stammte. Zweige knackten, ganze Bäume brachen, Potter rief "Accio Besen!" und brachte sich auf seinem fliegenden Feuerblitz in Sicherheit. War es ein Knallrümpfiger Kröter? Ein Norwegischer Stachelbuckel? Ein gekränkter Kollege vom "Spiegel"? Oder sollte es ihn etwa doch geben, den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler? Wir werden es nie erfahren.

Ich trat unverzüglich durch einen Freiluftkamin meine Rückreise an. Und obschon ich mich im Dienste des stern-Kulturressorts ja schon vielen bedrohlichen Situationen unerschrocken gestellt habe, erinnert sei hier an mein Interview mit Rudi Carrell, hing mir die ganze Sache doch mehr nach, als ich gedacht hätte. So überraschte es mich selbst, als ich am Abend, noch einige zuckende Zweiglein der Peitschenden Weide im Haar, meinen Mann geistesabwesend begrüßte: "Und, wie war dein Tag, Schnatz?"

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