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Haruki Murakami: Entschleunigung im Land des Lächelns

Konzentriert wie in einem Haiku bringt Haruki Murakami Situationen auf den Punkt. Das gilt auch für seine Kurzgeschichten: Ein paar Pinselstriche im Stile angelsächsicher Short-Stories, schon ist die Bühne für Handlungen voll irrwitziger Wendungen eröffnet.

Stoische Charaktere, übernatürliche Geschehnisse, innere Abgründe - das Inventar von Haruki Murakamis Romanen ist auch das seiner Kurzgeschichten. Eine Auswahl von ihnen ist nun unter dem Titel "Blinde Weide, schlafende Frau" auf Deutsch erschienen. Die 24 Texte umspannen mehr als zwei Jahrzehnte aus dem Schaffen des ebenso eigenwilligen wie erfolgreichen japanischen Schriftstellers.

Mit wenigen Details Stimmungen konturieren

Stilistisch zeigt sich Murakami als gelehriger Schüler der amerikanischen Short-Story-Autoren. Die Dialoge sind knapp und konzentriert, ein paar scheinbar nebensächliche Details genügen ihm, um Szenen, Schauplätze und Stimmungen zu konturieren. Kein rhetorischer Zierrat stellt sich dem Gang der Handlung in den Weg. Doch so lauert die Gefahr der Monotonie an jedem Absatz; Murakami meistert sie so kunstvoll-elegant wie seine deutsche Übersetzerin Ursula Gräfe.

Ihre eigentliche Spannung und ihren Reiz gewinnen die Geschichten aber daraus, dass nichts vorhersehbar oder mit konventioneller Psychologie erklärbar ist. Selten haben Murakamis Figuren einen Grund für das, was sie tun. Junge und erfolgreiche Menschen bringen sich ohne ersichtlichen Anlass um, mit ihrer Ehe völlig zufriedene Männer und Frauen verlieben sich anderweitig und brechen mit ihrer bisherigen Existenz. Und wenn das Unbegreifliche nicht von innen kommt, dann eben von außen: Eine übernatürliche Monsterwelle, die einen Jungen ins Meer reißt und damit das Leben seines Freundes verändert; mysteriöse Anrufe, die bei einem Mann Erbrechen auslösen und ihn in Todesgefahr bringen.

Erklärungen für solche Phänomene gibt Murakami in der Regel nicht; vielleicht wirken sie auch gar nicht so bizarr in einem Land, wo oft und unvermittelt die Erde bebt oder der Ozean mit zerstörerischer Gewalt an die Küste schwappt. Ebenso gleichmütig akzeptiert Murakami die Unergründbarkeit der menschlichen Seele: "Meine Eifersucht ist wie ein Tumor, der von selbst in mir entstanden ist", sagt eine Schülerin, bevor sie sich die Pulsadern öffnet.

Umgang mit Umbruchsituationen

Umso mehr interessiert ihn, was mit den Menschen geschieht, in deren Leben plötzlich eine andere Realität einbricht und die auf solche Weise den Freund, die Frau, den Sohn verlieren - oder sich selbst. Mancher findet sich nie mehr wieder: "Dann war ich plötzlich verschwunden", erzählt einer von ihnen. Andere haben mehr Glück: Der Junge, dessen Freund in der Riesenwelle ertrank, kehrt als Erwachsener zurück an den Unglücksort. Indem er sich seiner Angst stellt, findet er Heilung von den Schuldgefühlen, die ihn bis dahin geplagt haben.

Meist herrscht eine melancholische Stimmung in Murakamis Geschichten, aber manchmal haben sie auch Komik zu bieten. "Aufstieg und Fall von Knasper" etwa ist eine allegorische Satire auf den japanischen Literaturbetrieb, und "Der Affe von Shinagawa" löst das Rätsel eines vergessenen Namens mit den Mitteln der Posse. Kenner von Murakamis Werken werden in "Glühwürmchen" und "Menschenfressende Katzen" Vorstufen der Romane "Naokos Lächeln" und "Sputnik Sweetheart" erkennen. "Mitunter haben sich Texte, die ich als Kurzgeschichten geschrieben habe, nach ihrer Veröffentlichung in meinem Kopf ausgedehnt", schreibt Murakami im Vorwort des Bandes: "Auf diese Weise greifen Kurzgeschichten und Romane bei mir auf natürliche, organische Weise ineinander."

Wolfgang Harms/DPA / DPA