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Interview Joscha Sauer: Schwarzer Humor mit Herz

Zeichner Joscha Sauer wurde aus Langeweile zu einem der erfolgreichsten Cartoonisten Deutschlands. Im stern.de-Interview spricht er über seinen Weg vom mittellosen Bittsteller zum Bestseller-Lieferanten, über betrunkene Verlagsleiter - und darüber, wie man mit Faulheit ganz groß rauskommt.

Herr Sauer, Ende September erscheint Ihr neuer "Nichtlustig"-Cartoonband. Auf Ihrer Homepage haben Sie dazu geschrieben: "Nichtlustig 4 ist fertig. Und ich auch." Was war so aufreibend an der Sache?

Es ist jedes Mal dasselbe. Am Ende der Produktion gerate ich in Hektik, es ist ein Rennen gegen die Zeit. Mir wurde vom Verlag zwar keine Pistole auf die Brust gesetzt. Aber so ähnlich: Die Druckerei war fest gebucht. Da gab's kein Zurück. Trotzdem hab ich auch dieses Mal die Abgabetermine bis zum Ende ausgelotet.

Klingt nach Nachtschichten.

Oh ja. Ich plane zwar immer, mir einen relativ normalen, gesellschaftsfähigen Arbeitsrhythmus anzueignen. Das klappt aber meistens nur die ersten zwei Wochen. Immerhin: Wenn ich nachts arbeite, tue ich garantiert nichts anderes. Ich tauche ab. Und komme erst wieder raus, wenn das Buch fertig ist.

Sie haben mehr als tausend Cartoons veröffentlicht. Können Sie da nicht inzwischen auf ein Ritual zurückgreifen, an dessen Ende ein neuer Cartoon steht?

So ein Ritual habe ich leider nicht. Ich wünsche mir schon seit Jahren, dass ich etwas disziplinierter und routinierter wäre. Mittlerweile ist es natürlich so, dass ich nicht mehr rumprobiere, was den Stil betrifft. Ich weiß ganz genau, wie die einzelnen Arbeitsschritte funktionieren und wie ich zu dem Ergebnis komme, was ich gerne hätte.

Wo ist dann das Problem?

Es ist das Problem, das jeder Freiberufler hat: Man muss sich selbst disziplinieren, immer wieder selbst motivieren, sich jetzt aber wirklich mal dranzusetzen. Morgens kontrolliert bei mir ja niemand, wann ich aufstehe und ob ich meine angefangenen Sachen wirklich zu Ende bringe. Und im Grunde meines Herzens bin ich echt 'ne faule Socke.

Sie brauchen jemanden, der Ihnen hin und wieder einen Schubs gibt?

Den brauch ich auf jeden Fall. Mein Verlag und meine Lizenzagentur arbeiten in dieser Hinsicht sehr vorbildlich. Die hauen mir immer wieder mal auf den Kopf, wenn ich zu lange an meinen Zeichnungen sitze.

Nun haben Sie ja mit "Nichtlustig 4" wieder einen Schwung Arbeit hinter sich gebracht. Der Lohn: Das Buch ist dazu verdammt, ein Bestseller zu werden.

Vom Start weg werden etwa 45.000 Exemplare in den Buchläden landen. Was wirklich eine gewaltige Zahl ist. Das ist jenseits meiner Vorstellungskraft.

Sie sind heute einer der erfolgreichsten Cartoonisten Deutschlands. Obwohl Sie sich als Schüler noch sicher waren, dass Sie niemals Comiczeichner werden wollen. Was ging schief in der Lebensplanung?

Ich glaube ja nicht an Zufall. Aber es war tatsächlich so, dass ich da einfach reingeschlittert bin. Anfangs hatte ich nicht den Plan, das einmal beruflich zu machen. Ich wollte mich erstmal nur kreativ ausleben. Deswegen und aus Langeweile hab ich 2000 die Internetseite www.nichtlustig.de eingerichtet, wo ich jeden Tag einen Cartoon veröffentlicht habe. Das war kurz nach meiner Zivildienstzeit. Da hab ich noch bei meinen Eltern in Frankfurt gewohnt. Es sollte ein Zeitvertreib sein für zwei, drei Monate, bis sich was anderes auftut.

Und dann haben die Cartoon-Figuren, die Sie geschaffen haben, Sie nicht mehr losgelassen?

Plötzlich hab ich gemerkt: Hoppla, da passiert was. Das ist etwas, was ich für mich weiter vorantreiben will. Und als ich mit meinen Cartoons dann tatsächlich nach einem Jahr auch ein bisschen Geld verdient habe, bin ich sofort nach Berlin gezogen. Doch kaum war ich dort, gingen die Abnehmer meiner Cartoons pleite. Und ich stand wieder ohne Einkommen da.

Hatten Sie einen Plan B?

Nein. Eigentlich nicht. Ich bin immer so ein naiver Optimist gewesen, was das angeht. Weil sich für mich immer Türen geöffnet haben. Und weil ich eine großartige Familie habe, die selbst meine beklopptesten Pläne immer unterstützt hat. Das hat für die nötige Entspanntheit gesorgt. Selbst wenn ich mich mal für zwei Wochen von Cornflakes ernähren musste, weil das Geld für etwas anderes fehlte.

Das gehört für einen Kreativen in Berlin doch fast dazu.

Das ist beinahe schon ein Klischee, nicht? Erst Cornflakes mit Milch. Und dann Cornflakes mit Wasser. Aber es war wirklich so.

Wie kamen Sie von dieser Cornflakes-Diät wieder runter?

Ich bin mit einer Demo-Mappe rumgerannt. Auf der Frankfurter Buchmesse. Ich habe ununterbrochen Leute angesprochen und ihnen meine Mappe unter die Nase gehalten: Da, schau mal, ich mach Cartoons und würd' ja auch gern mit Büchern und so...

Klingt schon wieder so ein bisschen naiv-optimistisch.

Aber letztlich hat es bei mir damit funktioniert. Ich hab zwar im ersten Jahr nur Absagen bekommen. Auch im zweiten Jahr zunächst. Allerdings hat sich ein paar Monate später dann doch noch der Carlsen Verlag gemeldet und gemeint: Lass uns doch zusammen ein Buch machen. Das war Anfang 2002.

Wie hoch war denn damals die Erstauflage Ihres Erstlingswerks "Nichtlustig"?

Die war sehr moderat angesetzt, bei 5000 Exemplaren. Aber dann gab es so viele Vorbestellungen, dass der Verlag sie eine Woche vor Druckbeginn auf 12.000 Exemplare aufstockte. Und die waren dann innerhalb einer Woche vergriffen.

Ging es so fulminant weiter?

Ich hab natürlich nicht Woche für Woche 12.000 Bücher verkauft. Aber vor ein paar Monaten hat mir der Verlag eine Glückwunschkarte geschickt. Auf der stand, dass ich mittlerweile über eine halbe Million Bücher verkauft habe.

So etwas wie eine Goldene Schallplatte gibt's nicht in der Branche, oder?

Leider nicht. Das wäre natürlich klasse, sich so ein schönes Platinbuch an die Wand hämmern zu können.

Im Oktober werden Sie wieder auf der Frankfurter Buchmesse sein. Was kommt da auf Sie zu?

Es wird viele Signierstunden geben, wie auch schon in den letzten Jahren. Und meine Agentur wird wieder zum abendlichen Umtrunk in ihrer kleinen Villa laden. Das wird schön. Da treffe ich viele Kollegen. Und immer auch ein paar sturzbetrunkene Verlagsleiter, die ich von meinen ersten Buchmesse-Jahren kenne. Die werden dann sentimental und sagen (fängt an zu lallen), dasses ihr gröösder Fehler waar, dasse mich daamals nich genomm' ham'.

Interview: Markus Wanzeck

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