HOME

Interview Monique Schwitter: Vom Scheitern des Nichtstuns

Monique Schwitter, 36, ist Schweizerin, Schauspielerin und Schriftstellerin. Für ihren Erzählband "Wenn's schneit beim Krokodil" bekam sie 2006 den Robert-Walser-Preis. Jetzt ist ihr erster Roman "Ohren haben keine Lider" erschienen. Mit stern.de sprach sie über Tattoos, Drogen und das Nichtstun.

Sie haben über sich geschrieben, sie seien unter anderem Katholikin, abergläubisch, Hundebesitzerin, Drogenkonsumentin, gewaltbereit, tätowiert, hätten eine Narbe neben der rechten Schläfe, sprächen 23 Fremdsprachen und seien möglicherweise im Besitz einer Waffe. Sind Sie wirklich so?

Ich habe mit dem Genre Steckbrief gespielt. Ich sollte für mein erstes Buch "Wenn's schneit beim Krokodil" (2005) eine Vita abgeben. Klar, kann ich Daten aufschreiben, aber das hat mit meiner wirklichen Geschichte gar nichts zu tun. Jeder Versuch einem Menschen in ein paar Worten gerecht zu werden, ist absolut lächerlich.

Und wo ist die Tätowierung?

(Schwitter öffnet den Reißverschluss ihrer roten Strickjacke und zeigt ihre Tätowierung über dem Solarplexus.) Flo. Das ist mein Mann.

Sie spielen hauptberuflich Theater am Hamburger Schauspielhaus. Wann hatten Sie überhaupt Zeit, den Roman "Ohren habe keine Lider" zu schreiben?

(lacht) Ich habe von Natur aus viel Energie, ich arbeite jeden Tag. Ich sitze einfach unglaublich gern an einem Tisch und schreibe. Ein Leben ohne Schreiben kann ich mir nicht vorstellen. Das Gefühl, dass man sich in die Welt tragen kann, ist für mich ein großer Trost.

Was viele nicht wissen: Auf dem Cover, das sind Sie selbst...

Ich will eigentlich nicht das Covergirl meiner eigenen Bücher sein, aber ich wusste das ist das richtige Foto: die Haare, dieses Ungeschützte. Es ist sehr bearbeitet, man erkennt mich nicht, denn es geht ja nicht um mich. Das ist keine Lebensbeichte, das ist ein Roman.

In ihrem Roman beobachten wir eine Hausgemeinschaft durch die Augen der Ich-Erzählerin. Die skurrilen Bewohner des Mietshauses torkeln alle etwas orientierungslos dahin.

Das ist für mich ein Entwicklungsroman, die Geschichte eines Erwachsenwerdens. Die Frage "Wo geht es für mich lang?" treibt die Hauptfigur. Das Gefühl angekommen zu sein, ist eine absolute Horrorvorstellung für mich. Man ist nie in einem Zustand des Glücks, das Leben verändert sich pausenlos. Deswegen bin ich Schauspielerin geworden. Da fängt man immer wieder von vorn an und lebt wie ein Nomade. Ich suche ganz sicher nicht das gemachte Nest, ich fühle mich gern fremd.

Das junge Pärchen, die Ich-Erzählerin und ihr Freund Fabian, macht ein seltsames Experiment. Sie wollen frei leben, ohne Verpflichtungen. Irgendwann kriegt der Freund vor lauter Nichtstun eine Verstopfung. Ist das Experiment gescheitert?

Ja, weil das Leben eben nicht nur betrachtet werden will, sondern auch gelebt. Man kann nicht innehalten, wie die beiden das versuchen. Das Leben ist brutal, es geht klammheimlich weiter. Wir müssen das Leben packen, es kann unglaublich schnell zu spät sein. Andererseits probieren die beiden wirklich was. Gerade weil die Freiheit schwer zu ertragen ist, finde ich es positiv, wenn sich jemand mit dem Vakuum konfrontiert, bevor er sich in Abläufe, Beziehungen und gewisse Gefangenschaften begibt. Es ist der Versuch, die Freiheit zu greifen, zu überlegen, was will ich wirklich von dem Leben, das vor mir liegt.

Eines fällt auf: Die Hausgemeinschaft hat auch kaum Kontakte zur Außenwelt.

Dieser Mikrokosmos und dieser Versuch sich abzugrenzen, hat für mich sehr viel mit der Schweiz zu tun, in der ich ja aufgewachsen bin. Zum einen ist es eine bunte, demokratische, irrsinnig freundliche Gesellschaft - sie ist aber gleichzeitig sehr hermetisch. Es gibt eine hohe gegenseitige Beobachtung und Kontrolle.

Wo kam die Idee für den Mikrokosmos "Mietshaus" her?

Das hat mir irrsinnig Spaß gemacht, den zu erfinden. Ich habe mit der Idee einer Versuchsanordnung gespielt. Aber dann habe ich eben nicht die Perspektive eines Forschers eingenommen, der von oben runterguckt, sondern die einer Figur, die sich mittendrin bewegt. Wir versuchen immer andere Menschen zu deuten, zu verstehen oder zu schubladisieren. Und sind doch in unserem subjektiven Blick gefangen.

Wie sind die einzelnen Typen entstanden?

Das sind eindeutig real existierende Menschen, sozusagen Konglomerate aus verschiedenen Personen, die ich kenne oder beobachtet habe.

Im Roman sind fast alle Personen entweder betrunken, oder stehen unter Beruhigungstabletten, Aufputschmitteln oder Speed. Ist die Welt nur mit Drogen zu ertragen?

Ich glaube, dass in unserer zivilisierten Gesellschaft Drogen ein Emulgator sind. Unsere Welt wäre nicht so geschmeidig, wenn wir nicht diese Mittel hätten, die uns pushen, die unsere Nöte dämpfen oder uns ein bisschen glücklicher und beschwingter machen. Wir sind sehr gut trainiert darin, unser Gegenüber nicht mit Emotionen zu strapazieren.

Am Ende ist die Heldin glücklich und schreibt dennoch eine SMS "Die Stadt ist leer du fehlst". Sind denn echte Freundschaft und Liebe überhaupt möglich?

Eben weil er einsam ist, sucht der Mensch lebenslänglich den Austausch mit den Anderen. Das ist die große Sehnsucht, die uns treibt.

Interview: Martina Sauermann
Themen in diesem Artikel