Selbst-Experiment Betreuter LSD-Trip: "Unendliches Schweben, eine reinigende Trauer"

LSD, Koks, Heroin: Seit der Haftbefehl-Doku sind harte Drogen in aller Munde. Meist verbunden mit einer Warnung. Unser Gastautor Florian Schroeder dagegen plädiert für die Entkriminalisierung aller Substanzen.
LSD-Trip: Eine Grafik mit einem Kopf und darum kreisenden Elementen
Auf seinem LSD-Trip fühlte sich Florian Schroeder wie auf einer Achterbahnfahrt
© Getty Images

Das "Land van Yemaya" ist auf Meeressand gebaut. Ein Gelände mit Wiesen, kleinen Wäldern, einem See mit Strand, einer kleinen Sauna und einem Tempel. So nennen sie den Gruppenraum, in dem die Zeremonien abgehalten werden. Er erinnert an einen buddhistischen Tempel. Fenster bis zur Decke, mit Blick auf endlose Weite, am Horizont ein paar Windräder.  

Wir sind vierzehn Teilnehmer eines psychedelischen Retreats und wollen an diesem Sommerwochenende gemeinsam das Psychedelikum LSD nehmen. Es sind alles Menschen an einer Schwelle, im Zweifel oder gar in der Krise. Männer und Frauen gleichermaßen, im Alter zwischen 35 und 70 Jahren. Was sie verbindet: Sie erhoffen sich von LSD ein Stück Heilung, eine Erfahrung, die tiefer reichen kann als das, was ihr Leben bislang für sie bereithielt.  

Sechs Coaches begleiten uns, vier Männer und zwei Frauen, einer ist Masseur, dazu noch ein Koch, der uns fast rund um die Uhr verpflegen wird. Weil der Begriff Coach so negativ besetzt ist, werden sie Tripsitter genannt. So heißen die Babysitter von Leuten, die im Rausch vielleicht nicht mehr so genau wissen, wer sie sind und was sie tun.  

LSD führt einen auf eine Reise ins Innere

LSD gehört zur Gruppe der Psychedelika. Das bedeutet übersetzt "die Seele offenbarend". Psychedelika versprechen Zugang zu den Dunkelkammern der menschlichen Seele, mitten hinein in das, was Sigmund Freud einst das Unbewusste nannte. Andere Substanzen tun eher das Gegenteil. Sie führen weg, nach außen: Kokain zu endlosem Wachsein und Größenwahn. 

Das Wochenende beginnt um kurz nach zehn Uhr mit einer Vorstellungsrunde im Tempel. Wir werden gefragt, weswegen wir hier sind. Was wir morgen, am Tag des Trips, für uns klären wollen. Während ich den anderen zuhöre, fällt mir auf, wie viele von ihnen sich mit den gleichen zwei Themen beschäftigen: dem Gefühl des permanenten Ungenügens – in der Familie, im Job, mit sich selbst. Das zweite große Thema ist Wut. Es sind Männer wie Frauen, die sich angewöhnt haben, ihre Wut zu unterdrücken.  

Menschen, die öfter Psychedelika konsumieren, haben weniger Depressionen

Auch die Forschung ist wieder auf die heilende Kraft von Psychedelika aufmerksam geworden. Eine 2022 veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass Alkoholiker, die die psychedelische Substanz Psilocybin einnahmen, deutlich weniger oft rückfällig wurden als jene in der Kontrollgruppe, die ein Placebo bekommen hatten. Im Jahr 2022 überraschte eine Forschungsgruppe aus Harvard nach der Analyse der Krankenakten von mehr als 200.000 US-Bürgern mit der Erkenntnis, dass die Drogen sogar schützen können: Menschen, die immer mal wieder Psychedelika genommen hatten, entwickelten seltener Depressionen. Die Bundesregierung unterstützt eine große Studie in Mannheim und Berlin zum Thema Psilocybin und Depression mit fünf Millionen Euro.  

Mein zweiter Tag in Holland beginnt mit einem Sensual Dance. Alle tanzen zu erstaunlich wenig spiritueller Top 50-Charts-Musik vor sich hin. Während des Tanzes geht einer der Tripsitter reihum und verabreicht einem nach dem anderen die Dosis. Wir tanzen uns in den Rausch hinein.  

Es ist gegen zwölf Uhr mittags, als ich die Substanz bekomme – auf einem kleinen Stück Löschblatt, das ich eine Minute lang zerkauen muss. Dann dauert es etwa eine bis eineinhalb Stunden, bis die Wirkung einsetzt. Ich bin euphorisch-gespannt. Selten war ich so überzeugt von etwas Unbekanntem. In der ersten Stunde wälze ich mich nur ein wenig auf meiner Matratze hin und her. Ist es das schon? Oder kommt da noch was? Ein Tripsitter fragt, ob ich nachlegen wolle. Noch einmal die volle Dröhnung wie vorhin oder nur die Hälfte? Ich frage: "Was würdest Du empfehlen?" Er antwortet lakonisch: "So klar wie Du bist, Verdoppelung." Und schon habe ich ein zweites Löschpapier im Mund, ich kaue eine weitere Minute und spüre dann, wie ich wegdrifte. Das muss die Reise sein, für die ich hier bin. Ich hebe ab.  

Der Trip in die Schwerelosigkeit

Am Anfang fühlt es sich für mich an wie eine Achterbahnfahrt, die nur nach oben geht, ohne den unangenehmen Teil der Fahrt nach unten, den ich immer schrecklich fand. Wilde Farbspiele, ein tiefes Aufgehobensein in einem Universum, das eher einer Sternengalaxie gleicht. Unendliches Schweben, angstfrei, eine Art Schwerelosigkeit, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ich sehe Menschen mit unendlich langen Beinen, fast ohne Oberkörper und Köpfe, alle gedehnt und ganz dünn, wie Marionetten. Bilder, die an frühe Pink Floyd-Cover erinnern. Dazwischen immer wieder Schnipsel und Szenen, mutmaßlich aus meiner Kindheit und Jugend: alte Kassetten von New Kids On the Block, daneben Menschen, die groß und rund und fett sind, alles zermalmen und unter sich begraben. Ich fühle eine Hand auf meiner Stirn, es muss einer der Tripsitter sein, der meine Stimmung bemerkt hat. Es ist eine reinigende Trauer. 

Ich nehme die Kopfhörer ab und höre, wie es den anderen geht. Einige schreien, andere sind wütend, wieder andere weinen, eine Frau lacht unaufhörlich. Erst jetzt wird mir klar, wie absorbiert ich unter den Kopfhörern war. Ich stehe auf, kann mich kaum halten, sehe einen der Tripsitter, spreche ihn an und sage: Ich möchte weg, vor die Tür. Die Sonne beginnt zu scheinen.  

Am Nachmittag, es muss gegen 16 Uhr sein, steht endlich auch die Sonne so bedingungslos über dem Retreat, als habe sie entschieden, den eigenen Trip ins Endlose zu verlängern. Die Farben der Gräser und Büsche sind noch intensiver als zuvor, wie beim heimischen HD-Fernseher, wenn man die Farbsättigung auf 100 Prozent dreht.  

Nun beginnt das letzte Drittel des Trips, hier ist der Trippende besonders verletzlich. Es ist die Phase des Rauschs, in der sich die Fragen, die einen innerlich am tiefsten beschäftigen, in neuer Drastik zeigen. Plötzlich will ich weg, denke, diese Gruppe verlassen zu müssen. Nur allein komme ich jetzt weiter. Alles hier ist Bedrängnis, fast unabhängig von den anwesenden Personen. Das ist ein tief verankertes Gefühl in mir seit meinen Jugendtagen. Ich setze mich in das einzig offene Restaurant des Orts außerhalb des Retreats. Es bedient mich eine freundliche ältere Holländerin, die jedem Klischee dieses Landes entspricht – nur ihr Wohnwagen fehlt. Sie ist eine Frau Antje in der Best Ager Edition. Sehr freundlich und voll mit gutem, ironischem Humor. Ich bestelle ein Stück Pfeffersteak mit Kartoffeln und Beilage. Am Ende eines Trips ist es gut, Fleisch zu essen. Ich schaue ins dunkelgelbe Licht der Abendsonne.  

Buchcover Florian Schroeder "Happy End"
In seinem neuen Buch schreibt Florian Schroeder über das Glück – nicht nur auf LSD
© dtv

Es ist etwa 22 Uhr, als ich merke, dass der Trip zu Ende geht. Nach zehn Stunden. Mein Gefühl von Einsamkeit bleibt. Ich gehe zurück zum Retreat, unterhalte mich mit ein paar Leuten – ein paar sind eher ruhig, spüren dem Erlebten nach, wieder andere wirken gesellig wie eine Gruppe von Wanderern, die ihre Tagestour geschafft haben und sich nun vor der Hütte treffen, um über die Eichhörnchen und Füchse zu sprechen, die sie entlang ihres Pfads so gesehen haben.  

Drogendebatte in Deutschland

Wie verlogen die deutsche Debatte hier ist, zeigt ein Blick in die Statistik: Auf deutschen Straßen sind täglich 60.000 besoffene Autofahrer unterwegs. 110 Führerscheine nimmt die Polizei jeden Tag ab. Jährlich sterben in Deutschland nachweislich rund 20.000 bis 25.000 Menschen offiziell an Alkoholismus. Die Dunkelziffer liegt mutmaßlich doppelt so hoch, da bei vielen Toten, die zu Hause sterben, der Arzt nur dann einen entsprechenden Test macht, wenn der Verdacht auf Alkoholvergiftung besteht. An all den illegalen Substanzen sterben im Jahr 2024 genau 2137 Menschen.  

Das führt zur Legalisierungsdebatte: Psychedelika haben kein Suchtpotenzial. Entscheidend sind Set und Setting, also der eigene körperliche und psychische Zustand und die Menschen, mit denen wir den Trip erleben.  

Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass 70 bis 90 Prozent aller Nutzer nur unregelmäßig Drogen nehmen – das gilt auch für harten Stoff wie Heroin und Kokain, der angeblich sofort süchtig macht und direkt in die Gosse führt.  

Ich werbe daher für das Vorbild Portugal. Hier hat der frühere Premierminister António Guterres sämtliche Drogen entkriminalisiert. Besitz und Handel aller Substanzen sind dort erlaubt. In Portugal dürfen alle nehmen, was sie wollen. Dennoch gibt es weiterhin Drogengesetze. Aber wer sie besitzt, wird dafür nicht mehr bestraft. Wer auffällig wird, kommt nicht etwa vor einen Richter, sondern vor ein Gremium, bestehend aus einem Sozialarbeiter, einem Psychiater und einem Anwalt. Stellt sich dabei heraus, dass es ein Abhängigkeitsproblem geben könnte, wird maximal eine kleine Geldstrafe verhängt. Drogendelikte werden so zum Falschparken des Rauschs. Gibt es doch ein ernsthaftes Problem, hilft das Komitee dabei, die massiv ausgebauten Therapiemöglichkeiten zu nutzen. Seit fast 25 Jahren ist dieses Modell gut erprobt. Das Ergebnis: weniger Abhängige, weniger Drogentote, weniger HIV-Infektionen – und auch weniger Kriminalität.

Was von meinem Trip bleibt

Der nächste Morgen startet mit Yoga. Anschließend folgt, was hier Integration genannt wird. Alle Teilnehmer berichten von ihrem Trip. Die meisten haben wunderbar geschlafen, sind gut gelaunt und wirken geradezu erleuchtet. Als ich dran bin, sage ich: Vor zwei Tagen hatte ich mich noch schwergetan, einen Grund zu finden, warum ich hier bin. Während ich mit großer Leichtigkeit hier reingegangen bin, ist dieses Thema zu mir gekommen. Der Dämon LSD bringt die Dämonen verlässlich ins Helle. 

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