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Krimi: Ein fast perfekter Serienkiller

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten. Heute: "Die Schule des Todes".

Der Aufzug hielt, und die Schiebetür öffnete sich. Die Magennerven des Werwolfs verkrampften sich. Ein vertrautes, sogar angenehmes Gefühl. Schritte. Schlüssel im Türschloss. Sein Herz hämmerte. Tür offen. Licht. Tür zu. Der raue Revolvergriff in seiner Hand schien zu glühen. Jetzt kam die Frau an ihm vorbei."

(John Sandford: "Die Schule des Todes")

Warum müssen Bullen eigentlich so oft gebrochene, mit dem Leben hadernde Existenzen sein? Nun, ja, der Job ist hart. Man wird mit der ganzen Hässlichkeit menschlicher Niedertracht konfrontiert, und da wirkt es glaubhafter, wenn der Kommissar abends mit einer Flasche im Dunkeln hockt, statt auf Partys gut gelaunt Frauen aufzureißen.

Zum Glück aber gibt es auch andere Typen. Und die müssen deshalb nicht weniger überzeugend sein. Der Ermittler des amerikanischen Topautors John Sandford ist dafür das beste Beispiel. Lucas Davenport heißt der Mann, ein intern umstrittener, aber genialer Polizist, dazu Porschefahrer, Womanizer und Besitzer einer erfolgreichen Software-Firma. Vor allem aber ist er ein genialer Jäger, der seinen Job liebt und verdammt viel Spaß daran hat, Unholde in den Knast zu bringen. So auch in Sandfords Thriller "Die Schule des Todes". Der Roman erzählt die Geschichte von Louis Vuillon. Nach außen ein junger, erfolgreicher Anwalt. In Wirklichkeit ein sadistischer, kühl und präzise planender Serienkiller, der Frauen tötet. Der Jurist, der sich selbst "Der Werwolf" nennt, hat unzählige Kriminalfälle analysiert, kennt bis ins Detail die Arbeit der Polizei und hat aus seinen Recherchen eine Reihe von Regeln für seine Morde zusammengestellt. Sie lauten:

Niemals jemanden ermorden, den du kennst. Niemals ein Tatmotiv haben. Niemals nach einem erkennbaren Schema handeln. Niemals eine Waffe nach Gebrauch bei sich tragen. Niemals Beweismittel zurücklassen.

Und Vuillon hält sich an seine Regeln. Die Polizei in Minneapolis ist verzweifelt. Nach dem dritten Mord wird Lieutenant Lucas Davenport mit dem Fall betraut. Schnell erkennt er, dass er es in diesem Fall mit einem ganz besonderen Gegner zu tun hat, einem Spieler, den er nur mit unkonventionellen Mitteln schlagen kann. Es kommt zu einem dramatischen Zweikampf zwischen dem Cop und dem Killer.

John Sandford, Jahrgang 1944,

heißt bürgerlich John Roswell Camp, ist gelernter Journalist und erhielt 1980 den Pulitzerpreis für eine Serie über die amerikanischen Ureinwohner. In den USA sind seine Bücher um Lucas Davenport seit vielen Jahren Bestseller. Man kennt ihn dort als den "Prey"-Autor, weil jedes seiner Davenport-Abenteuer das Wort "prey" (Beute) im Titel trägt. Sandford ist außerdem Autor einer Reihe von Romanen um den jungen Hacker Kidd. "Die Schule des Todes" zeigt Sandford auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

Unser Fazit: Ein Killer, der Hannibal Lecter Konkurrenz machen könnte. Louis Vuillon mordet ebenso schlau, eiskalt und brutal. Ein bösartiger, ungemein packender Thriller.

Thomas Schumann/Kester Schlenz / print
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