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Meinung

Die Anziehungskraft des Bösen: Netflix-Doku über Serienmörder: Hört endlich auf, Ted Bundy als "hot" zu bezeichnen"!

Nach einer Netflix-Doku über Serienkiller Ted Bundy startete ein regelrechter Hype um dessen gutes Aussehen. Warum fühlen sich so viele Menschen zu einem Serienkiller hingezogen?

Netflix-Doku: Trailer: "Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders"

Der wohl berüchtigtste Serienkiller der USA hat vermutlich mehr als 30 junge Frauen getötet. 23 Morde gab Ted Bundy kurz vor seinem Tod zu. Er vergewaltigte die Frauen. Ermordete sie brutal. Zerstückelte sie. Hatte Sex mit den Leichen. Muss man mehr sagen? Dieser Mann war ein Monster. Und trotzdem wird er zurzeit wegen seines guten Aussehens im Netz gefeiert – dabei, sind wir mal ganz ehrlich, befindet er sich maximal im oberen Drittel der durchschnittlich aussehenden Menschen. Auf Twitter appelliert Netflix sogar schon an die Fans der neuen Doku-Serie "Ted Bundy: Selbstportrait eines Mörders": "Ich würde euch gerne sanft darauf hinweisen, dass es wortwörtlich TAUSENDE heiße Männer gibt - fast alle von ihnen sind keine verurteilten Serienmörder."

Während einige sich in den Kommentaren fragen, warum man so etwas überhaupt erwähnen muss, oder gleich an der Menschheit zweifeln, geben viele – ob ironisch oder nicht – zu, ihn doch ziemlich heiß zu finden. Aber dieser Hype ist nicht neu. Die Netflix-Doku hat bloß ein Phänomen hervorgerufen, das immer wieder zu beobachten ist.

Wir finden das Böse interessant. Faszinierend. Attraktiv.

Natürlich war Bundy attraktiv und charmant. Wäre er ein alter, kleiner, runzliger Mann gewesen, hätte er – ich lehne mich hier einfach mal weit aus dem Fenster – sicher nicht so viele Opfer gefunden. Und auch damals, als die Morde noch nicht so lange her waren, hatte Bundy vor allem weibliche Fans, die zu den Gerichtsverhandlungen pilgerten, um einen Blick auf ihn zu erhaschen, wie auch in der Netflix-Doku zu sehen ist. Sie wollten nicht glauben, dass ein so einfühlsamer und charmanter Mann diese grausamen Taten vollbracht haben soll.

Ted Bundy

Ted Bundy und seine Freundin Elizabeth Kloepfer

Netflix

Peer Briken ist Direktor vom Institut für Sexualforschung und forensische Psychiatrie am UKE in Hamburg. Er sagt: "Wir projizieren unsere eigenen destruktiven Anteile, die wir selbst mehr oder weniger erfolgreich im Griff haben, in die Schwerverbrecher hinein. Es schreckt uns gleichzeitig ab und fasziniert uns, dass sie tun, was wir uns nie erlauben werden. Solange wir uns versichern können, dass so etwas nur ein anderer macht – der Schwerverbrecher – aber nicht wir, müssen wir nicht ängstlich sein vor diesen eigenen destruktiven Anteilen und können uns ins Sofa kuscheln und sogar bei Verbrechen vor den Augen (im Film) einschlafen." 

Für Carol Ann Boone ging diese Faszination für Ted Bundy so weit, dass sie ihn heiratete und im Gefängnis ein Kind mit ihm zeugte. Und das alles, nachdem er erstmals zum Tode verurteilt wurde! 

Liebe zu Mördern in der Wissenschaft

In der Fachsprache nennt man das Phänomen Hybristophilie – auch bekannt als Bonnie-und-Clyde-Syndrom. So bezeichnen es Psychologen, wenn Menschen sich von Schwerverbrechern und Mördern sexuell erregt fühlen. Die Person hinter Gittern wird als der perfekte Partner idealisiert. Man weiß, wo er oder sie steckt, kann sich sicher sein, dass derjenige an einen denkt, und von Liebe sprechen, ohne einen gemeinsamen Alltag zu erleben. In ihrem Buch "Women who love men who kill“ stellt Sheila Isenberg die These auf, dass sich vor allem Frauen, die eine gewalttätige Jugend erleben mussten, in inhaftierte Straftäter verlieben. Sie sagt, diese Frauen suchen sich einen Mann, den sie kontrollieren können, ohne dass dieser sie verletzen kann.

Professor Briken jedoch sagt, dass der Wissenschaft zu Partnern von Straftätern kaum Erkenntnisse vorliegen: "Man kann spekulieren, dass Menschen, die in einem kriminellen oder gewalttätigen Umfeld aufgewachsen sind, durch Modelllernen oder durch eine Mischung aus Angst und Faszination oder durch ein Ungeschehenmachen der Angst durch Erregung und Faszination solche Vorlieben entwickeln könnten. Oder dass es eine unbewusste Tendenz zur Wiederholung früherer unverarbeiteter, ängstigender Erfahrungen gibt, die durch ein solches sexuelles Interesse oder durch solche Fantasien eigentlich entschärft werden sollen." 

Menschen die Mörder heiraten

Carol Ann Boone ist jedenfalls kein Einzelfall, immer wieder finden inhaftierte Schwerverbrecher Partner. Ein paar Beispiele:

  • Die Krankenschwester Gisela Deike heiratete 1973 den vierfachen Kindermörder und Pädophilen Jürgen Bartsch.
  • Roland R. heiratete Estibaliz Carranza, die zwei Lebensgefährten ermordete, zerstückelte und einbetonierte.
  • Rosalie Martinez verließ ihren reichen Mann und ihre vier Kinder für den Vergewaltiger und dreifachen Mörder Oscar Ray Bollin.
  • Die Hamburgerin Dagmar Polzin sah den Mörder Bobby Lee Harris auf einem Plakat gegen die Todesstrafe – jetzt lebt sie mit der Familie des Killers in den USA
  • Harvard-Absolvent James Whitehouse heiratete Ende der 80er die Charles Manson Anhängerin Susan Atkins, die am Mord von Sharon Tate beteiligt war.

Die Sich-Verliebenden sind übrigens nicht nur Frauen, nicht nur ungebildet, nicht nur arm, sondern kommen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mit unterschiedlichsten Vergangenheiten.

Das Bad-Boy-Image ist sexy

Fest steht: Risikobereites Verhalten macht sexy. Schon 2016 ergab eine Studie der Ghent Universität in Belgien, dass Rauchen und Trinken bei Männern sexuell anziehend wirken, gerade WEIL sie damit ihrem Körper schaden. Es sei eine Form, Macht zu demonstrieren, so die These, und dies wird bei Frauen als positiv angesehen. Vor allem im Bezug auf kurzweilige Partnerschaften seien Bad Boys erfolgreicher als die Netten. Vielleicht kennt das der eine oder andere von euch sogar.

Stimmt mit uns etwas nicht, wenn wir uns zu Bad Boys hingezogen fühlen? "Das ist eine moralische Frage, die ich sexualwissenschaftlich nicht beantworten kann. Wir können uns fragen, ob es dadurch gesellschaftlich wirklich relevante Probleme gibt. Ich glaube das nicht. Ich würde vermuten, dass weder das Kriminalitätsrisiko dadurch statistisch beeinflusst wird, noch dass jemand besonders darunter leidet, sich von Bad Boys angezogen zu fühlen. Anders ist das, wenn jemand beispielsweise in die Psychotherapie kommt, die oder der sich immer wieder gewalttätige Partner aussucht. Das ist dann natürlich ein Problem. Das finde ich nur mit 'Bad Boys' schlecht umschrieben", sagt Briken.

Mugshot Bae

Apropos Bad Boy: Erinnert ihr euch noch an ihn hier?

Jeremy Meeks

Dieses Fahndungsfoto von Jeremy Meeks ging 2014 viral.

Picture Alliance

Seid ehrlich: Viele von uns könnten wahrscheinlich über seine Verbrechen hinwegsehen. Immerhin ist Jeremy Meeks jetzt ein berühmtes und erfolgreiches Model. Eine gute Partie hat sich für ihn auch noch ergeben, seine Freundin ist die millionenschwere TopShop-Erbin Chloe Green. So richtig fragt keiner mehr nach seiner kriminellen Vergangenheit. Unter dem #mugshotbae ist mittlerweile ein richtiger Hype um Fahndungsfotos von attraktiven Menschen entstanden.

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Es liegt also nahe, dass sich die Popkultur immer wieder auf dieses Thema stürzt. Auch über Ted Bundy erscheint gerade wieder ein neuer Film, Hollywood-Schönling Zac Efron spielt Bundy. Es gab heftige Kritik daran, dass ein Mädchenschwarm wie Efron den Serienkiller verkörpert.

Kathy Kleiner Rubin, eine Bundy-Überlebende, die von ihm brutal misshandelt wurde, sagt in einem Interview mit dem Klatschportal "TMZ", dass niemand vergessen solle, dass Bundy genau das war: charmant und schön. Sie empfindet die Besetzung als passend und hofft, die Netflix-Doku und der neue Thriller ermahnen Menschen, achtsamer zu sein und nicht jedem Menschen zu vertrauen. Egal, wie schön er ist.