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Krimi: Ein grandioser Bulle aus New Orleans

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten Schumann und Schlenz. Heute: James Lee Burke, "Nacht über dem Bayou".

Er nahm ein Kissen und drückte damit zu, sodass sein Oberarm dick und hart anschwoll wie ein Feuerhydrant, während Dwayne Parsons' Körper zuckte wie ein gestrandeter Fisch. Dann trat der Mann mit der Waffe rasch einen Schritt zurück, feuerte zwei Schüsse auf das Kissen ab - pop, pop - und ging dann an der Kamera vorbei, die kurz das Haifischprofil erfasste, ein wuchtiges graues Kinn, einen funkelnden Goldzahn.

(James Lee Burke, "Nacht über dem Bayou")

Ja, so grausam Morden und sterben die Menschen bei James Lee Burke. Und einer der vielen Gründe, warum wir ihn hier loben wollen, ist der, dass Burke dies so bitter lakonisch schildern kann. Aber gestatten Sie uns vorweg, ein bisschen von der Wehmut zu erzählen, die uns beschlichen hat, als wir das grandiose Buch "Nacht über dem Bayou" vor ein paar Wochen noch einmal lasen. Denn Burkes Ermittler Dave Robicheaux ist ein Kind des Bayous, der Sümpfe, und von New Orleans. Seine Fälle spielen eben dort; in den Kitschvillen der Reichen; in den Sümpfen und Ölfeldern; in den Kneipen, Gassen und Nuttenvierteln der Stadt. Und unvermeidbar kommen beim Schmökern die Bilder vom Hurrikan "Katrina" hoch, von der Wucht der Zerstörung, vom Leid der Menschen - und mit ihnen kommt eben Wehmut darüber, dass vieles von dem, was James Lee Burke 1996 so wunderbar beschrieb, unwiederbringlich verloren ist. Andererseits: Das alles spricht für seine literarische Klasse. Burke schafft es wie kaum ein zweiter Krimi-Autor, Emotionen zu wecken und den Film im Kopf zum Laufen zu bringen. Seine Prosa ist mal knapp und trocken und dann wieder üppig, sinnlich, ausschweifend wie eine Sequenz aus "Vom Winde verweht". Und das Erstaunlichste: Ganz gleich, wie er intoniert, er hält in "Nacht über dem Bayou" eine Spannung, die uns fassungslos macht.

Der Plot führt den Provinzbullen Dave Robicheaux, der Vietnam und den Suff einigermaßen überlebt hat, tief in die Vergangenheit. Der Mann schlägt sich rum mit einem 28 Jahre zurückliegenden Mord an einem schwarzen Bürgerrechtler. Die Mafia mischt sich rüde ein. Und ein Top-Politiker liberaler Gesinnung, aber gegen das Klischee wunderbar schmierig agierend, zeigt auffälliges Interesse am Geschehen. Robicheaux verschlägt es nach Texas und Mexiko, sein Kumpel Clete muss ihn mehrmals raushauen, Angst und Misstrauen ergreifen schließlich seine engsten Vertrauten. Und da ist noch Daves alte Flamme, die ihm mehr zu Leibe rückt, als ihm lieb ist ...

James Lee Burke, Jahrgang 1936, lebt in Louisiana und Montana. Der ehemalige Lehrer hat neben vielen anderen Büchern inzwischen 14 Krimis um Robicheaux veröffentlicht, die völlig zu Recht mit Kritikerpreisen gewürdigt wurden; einer war Vorlage für einen Hollywood-Film. Wie sein Held hatte auch der Autor lange mit dem Alkohol zu kämpfen.

Unser Fazit: Das Flimmern der Hitze werden Sie spüren, Schnaps und Schweiß der Bars riechen, Schüsse hören und das sanfte Eintauchen von Paddeln ins Wasser. Und Sie werden Dave Robicheaux lieben. Garantiert.

Thomas Schumann/Kester Schlenz / print
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