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Krimi: Lebenszeichen aus dem Jenseits

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten. Heute: "Kein Sterbenswort" von Harlan Coben.

Von Thomas Schumann/Kester Schlenz

Ich fiel nach hinten und stürzte wieder in den See. Ich hatte die Augen geschlossen. Noch einmal hörte ich Elizabeth schreien - diesmal schrie sie meinen Namen -, aber der Schrei, wie auch alle anderen Geräusche, erstarb, als ich gurgelnd im Wasser versank.

(Harlan Coben, "Kein Sterbenswort")

Immer wieder werden wir gefragt, warum wir eigentlich so gern Krimis lesen, was uns denn an Mord und Totschlag so fasziniere? Nun: Mord und Totschlag an sich faszinieren uns eigentlich gar nicht. Sie sind aber die in diesem Genre nun mal nötigen Auslöser, um eine Krimihandlung in Gang zu setzen. Oder würden Sie die Jagd nach einem Schwarzfahrer oder Lollidieb spannend finden? Am Anfang eines jeden guten Krimis steht ein massiver Verstoß gegen grundsätzliche Regeln des menschlichen Zusammenlebens. Wir brauchen das Verbrechen, um dann gemeinsam mit den Ermittlern das Gute siegen zu sehen. Und je gefährlicher das ist, je mehr man uns beim Lesen für ein paar Stunden aus der eigenen behaglichen Sicherheit herausführt, desto mehr genießen wir - denn tief drinnen wissen wir ja: So könnte es uns ergehen, wenn es wirklich schlimm kommt, aber ich sitze hier im Sessel, und mir geht es gut. Wenn Sie dieses Gefühl, diese prickelnde Lust an der Angst mal wieder erleben wollen, dann lesen Sie den Roman, den wir Ihnen in dieser Woche empfehlen, Harlan Cobens Thriller "Kein Sterbenswort". Denn da können Sie wirklich mitfiebern und gemeinsam mit dem Helden durch die Hölle gehen.

Der Kinderarzt David Beck hat vor acht Jahren seine Frau Elizabeth verloren. Ein Serienkiller hat sie entführt und Beck selbst dabei schwer verletzt. Nur mühsam findet der Arzt wieder ins Leben zurück, verfolgt vom Schrecken jener Nacht. Er praktiziert weiter, lebt nur für seinen Job und versucht zu vergessen. Bis ihn eines Tages eine mysteriöse E-Mail erreicht. Darin findet er Anspielungen auf Erlebnisse aus seiner Ehe, von denen nur seine Frau wissen kann. Weitere Nachrichten folgen, und Beck beginnt, das Unfassbare zu denken: Lebt Elizabeth etwa noch und versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen? Doch in den E-Mails steht auch, dass er kein Sterbenswort darüber verlieren darf. Und plötzlich taucht das FBI auf und verdächtigt ihn des Mordes an der eigenen Frau. In seiner Not macht Beck sich allein auf die Suche nach Elizabeth. Und erlebt das pure Grauen.

Harlan Coben, Jahrgang 1962, studierte Politik und arbeitete in der Tourismusbranche, bevor er hauptberuflich Schriftsteller wurde. Zum Glück, denn der Mann ist ein echter Gewinn für die Krimiszene. Für seine durchweg überzeugenden Romane erhielt er als erster Autor drei der wichtigsten amerikanischen Krimi-Preise: den "Edgar Award", den "Shamus Award" und den "Anthony Award". Zu seinen Fans gehört übrigens auch "Sakrileg"-Autor Dan Brown.

Unser Fazit: Fangen Sie dieses Buch nicht an, wenn Sie am nächsten Morgen einen wichtigen Termin haben. Selten hat ein Autor packender den Einbruch des Schreckens in das Leben eines ganz normalen Bürgers geschildert. Suspense pur.

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