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KRIMI: Nichts als Ärger mit den Spontis

In Ulm, um Ulm herum und unter Radikalen ermittelt der Held von Ulrich Ritzel, einem der besten deutschen Krimi-Autoren.

Dass Ulrich Ritzel wohl kein glücklicher Mensch ist, lässt sich an seinen Lippen ablesen. Solch bitterer Zug um den Mund findet sich oft bei Menschen, die zu viel Leid erlebt haben. Oder bei Leuten, die regelmäßig mit der Justiz zu tun haben. Ulrich Ritzel war oft im Gerichtssaal, wenn auch immer jenseits von Richtertisch und Anklagebank. Als Gerichtsreporter hatte der 61-Jährige unzählige Male mit ansehen müssen, wie sich einer Gerechtigkeit erhoffte und nur ein Urteil bekam. So etwas prägt. Zum Glück auch seine Krimis.

Denn der Mann macht richtig, was man eigentlich nur falsch machen kann: Lässt er doch in seinen drei Romanen um den Ulmer Kommissar Berndorf einen schwäbischen Kleinstadtpolizisten - wie originell! - ermitteln, der in seiner Freizeit Montaigne, Lichtenberg und Hebel liest. Stellt ihm eine lesbische Assistentin zur Seite. Und dann auch noch diese Themen: KZ-Menschenversuche im Erstling »Der Schatten des Schwans« (1999), Korruption und Ausländerfeindlichkeit in »Schwemmholz« (2000). Im gerade erschienenen »Die schwarzen Ränder der Glut« erzählt Ritzel nun, wie RAF-Sympathisanten beim Marsch durch die Institutionen erst ihre Unschuld und dann ihre Ideale verlieren.

Klingt nach öffentlich-rechtlichen Gremien-Krimis, politisch total korrekt. Ist es aber nicht. Dafür steckt auch in dem dritten Band einfach zu viel Wut. Wut, wie Berndorf sie spürt, als er kurz vor der Pensionierung eine alte Geschichte aufklären will. Damals, 1972, während der RAF-Hysterie, wurde bei einer von ihm geleiteten Hausdurchsuchung ein Unschuldiger erschossen. Seine Ermittlungen bei den einstigen RAF-Sympathisanten führen ihn 28 Jahre später mitten ins Establishment - zu Uni-Professoren, Immobilienmaklern und Ministern, die viel zu verbergen haben. Extrem, so lernt Berndorf, waren sie immer nur in ihrer Gier nach Macht. Das klingt so aktuell, dass der Verlag darauf hinweist, der Roman sei schon fertig gewesen, bevor sich Joschka Fischer Anfang des Jahres zu seiner gewalttätigen Sponti-Vergangenheit befragen lassen musste.

Aber anders als im wirklichen Leben geht es in Ritzels Romanen nicht um Recht, sondern um Gerechtigkeit. Und dass da einer mit heißem Herzen schreibt und doch einen kühlen Kopf bewahrt, liegt vielleicht zum einen daran, dass Ritzel früher ein ausgezeichneter Journalist war, der 1981 den »Wächterpreis der Tagespresse« bekam. Und zum anderen daran, dass der in Ulm und am Bodensee lebende Autor darauf beharrt, sich seine Leser als intelligente Wesen vorzustellen. Eine zunächst verwirrende Zahl von Handlungsfäden legt er in seinem neuen Krimi aus, 65 Personen treten auf, da könnte man leicht den Überblick verlieren. Aber für diesen Fall hat Ritzels feiner Schweizer Libelle-Verlag innen auf den Umschlagklappen ein »Verzeichnis wichtiger Personen« abgedruckt.

Für Fischer, Cohn-Bendit, Schily und Co. wären »Die schwarzen Ränder der Glut« ein hübsch hinterhältiges Weihnachtsgeschenk. Und die reine Freude für alle, die einen der besten deutschen Krimis des Jahres lesen wollen.

Hans-Peter Junker

Ulrich Ritzel: »Die schwarzen Ränder der Glut«

Libelle Verlag, 416 Seiten, 44,81 Mark

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