Krimi-Roman „KiezBlues“
Lampenbräute und Machomänner – die Reeperbahn nachts um halb eins

Reeperbahn, St. Pauli
St. Pauli: Ihre Faszination hat die Reeperbahn behalten, für Touristen gehört ihr Besuch zum festen Programm
© Jon Hicks / Getty Images

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Auf St. Pauli gab es schon immer Banden, Gewalt und Drogen. Tim Sohr hat Fakten der 70er- und 80er-Jahre mit Fiktion zusammengebracht und einen Kiez-Roman geschrieben.

Angelehnt an das Leben des Polizeireporters der „Hamburger Morgenpost“, der im kommenden Jahr sein 50. Jubiläum bei dem Boulevard-Blatt feiert, lässt Autor Tim Sohr in seinem neuen Buch „KiezBlues“ den fiktiven Tom Katzenberger über die Reeperbahn und ihre Umgebung berichten. „Katze“, der bei der „Mopo“ anfängt, bevor er sein Abitur machen kann, hängt nachts am Radio und hört Polizeifunk. So ist er immer informiert und schwingt sich auf sein Fahrrad, um als Erster am Tatort zu sein, wenn irgendwo Blut fließt. Für einen Teenie ziemlich harte Kost, aber der junge Fotograf gewöhnt sich daran.

Schon vor seinem Erscheinen hat der NDR „KiezBlues“ zum „Buch des Monats“ gekürt und ein Porträt mit dem Autor gedreht. Tatsächlich hätte es kaum einen besseren Zeitpunkt für den Titel geben können, denn seit dem 30. April wird in Hamburg „400 Jahre Reeperbahn“ gefeiert, die sündige Meile als ganz schön altes Geburtstagskind. Doch davon wusste Tim Sohr gar nichts, wie er dem stern im Interview verrät.

St. Pauli und der Kiez-Kosmos

Tim Sohr im Porträt
Tim Sohr kam 1980 in Düsseldorf zur Welt und hat sich für seinen Krimi-Roman „KiezBlues“ in die 1970er- und 80er-Jahre auf der Reeperbahn begeben. Für den Wahl-Hamburger und ehemaligen St-Pauli-Bewohner geradezu naheliegend. Tim Sohr hat sechs Jahre für den stern gearbeitet, bis er 2021 Podcasts für sich entdeckte.
© www.juliaschwendner.com

Herr Sohr, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Kiez-Krimi zu schreiben?
Mein erstes Buch war eine Coming-of-Age-Geschichte, das zweite eine Liebesgeschichte und ich finde es spannend, immer was anderes zu machen. Am Ende aber war die Idee zu dieser Geschichte das Ausschlaggebende, nicht das Genre. Ich fand diese St.-Pauli-Welt der 70er und 80er schon immer interessant und habe mich gefragt, warum das nicht schon mal literarisch aufbereitet wurde. Also als eine Art Epos basierend auf den wahren Geschichten, wie ein alter Mafiafilm – viel Tragik, Spannung, aber ein bisschen Witz. Dann habe ich diesen Mopo-Reporter kennengelernt und seine faszinierenden Storys gehört. Damit hatte ich ein gutes Vorbild für den Protagonisten meiner Geschichte. Das ist nicht so naheliegend wie ein Kriminalbeamter oder Zuhälter, sondern ein Blick von außen auf die Szene.

Haben Sie sich vorm Schreiben ein Storyboard gemacht?
Ja, ich habe tatsächlich vorher eine gewisse Struktur erstellt. Ich habe dann über einen langen Zeitraum ganz viel recherchiert, viel gelesen, mit Leuten gesprochen, alles zusammengetragen und anschließend aussortiert. Ich habe es so zusammengesetzt, dass ein Handlungsbogen entsteht, der funktioniert.

Sie haben einen Job, eine Freundin und eine kleine Tochter, wann sind Sie zum Schreiben gekommen?
Es war eine glückliche Fügung, dass ich kurz nach der Geburt meiner Tochter anfangen konnte zu schreiben. Da hat sie noch viel geschlafen, sodass ich am Wochenende, morgens und abends Zeit hatte. Jetzt wäre das nicht mehr denkbar, weil sie viel mehr Aufmerksamkeit braucht.

Woher haben Sie Ihre Expertise? Sind Sie über den Kiez gegangen und haben Prostituierte angesprochen?
Nein, gerade der harte Prostituiertenbereich ist überwiegend literarisch recherchiert, weil ich glaube, dass diese Welt heute nicht mehr mit damals vergleichbar ist und es daher auch nicht förderlich für den Stoff gewesen wäre. Das gesamte Milieu war damals eine ganz andere Welt als heute. Aber es gibt die wildesten Bücher, etwa von einem alten David-Wachen-Polizisten oder über verschiedene Kiezgrößen. Es ist natürlich die größte Schwierigkeit, über eine Zeit zu schreiben, für die man zu jung ist, um sie selbst erlebt zu haben. Man muss das richtige Gefühl dafür bekommen, um den Sound zu treffen – und da können auch alte Zeitungsartikel und Filme helfen.

Ihr Buch erhebt ja auch nicht den Anspruch, eine historische Abhandlung zu sein.
Nein, es ging eher darum, sich einen eigenen Reim auf die ganzen Geschichten zu machen. Ich habe mich, je mehr ich recherchiert und gemerkt habe, dass das auch alles ganz schön düster ist, gefragt: Warum fasziniert mich das eigentlich so? Und warum wird es oft so ein bisschen verklärt und ein bisschen weichgezeichnet im Rückblick? Es sind da ja wirklich schlimme Sachen abgegangen. Ich glaube, das liegt daran, dass es oft so comichaft überzeichnet ist durch Begriffe wie Nutella-Bande und diese Luden, die auch ein bisschen zum Lachen sind.

Das beschreiben Sie ganz herrlich: „Bunk trägt Rolex und Goldkette mit Stolz, und manchmal fährt er mit seinem Porsche Carrera ein paar Runden um die Reeperbahn, nur damit die anderen sehen, dass er mit seinem Porsche Carrera ein paar Runden um die Reeperbahn fährt.“
Danke!

Apropos Begriffe, da habe ich einige gelernt in Ihrem Buch: Kokain war „die weiße Dame“, das „Bananen-Stockwerk“ war die „Billigabteilung“ an Prostituierten und eine „Lampenbraut“ ist eine, die ihren Zuhälter anzeigt.
Ja, wenn du sowas liest bei der Recherche, dann weißt du: Das muss da rein, weil das einfach zu absurd ist! Jedes Milieu, das so eine ganz eigene Sprache hat, ist natürlich Gold wert für Literatur.

Transparenzhinweis: Tim Sohr war bis 2021 sechs Jahre für den stern tätig.