Man mag es sich kaum vorstellen, doch ganz am Anfang des berühmtesten aller verruchten Vergnügungsviertel Europas hatten Nonnen gestanden. Noch bevor die Reepschläger und Seilmacher kamen, und vor 400 Jahren die Reeperbahn begründeten, hatten Zisterzienserinnen im 13. Jahrhundert in Nähe des heutigen Hamburger Fischmarkts ein Kloster eröffnet.
Zwischen Liederlichem und Liedgut
Mit den Seeleuten kamen auch die Amüsierdamen. Erst im 17. Jahrhundert begannen die Unterhaltungsbetriebe, zahlreiche Bürger aus der Hansestadt in den Vorort „Hamburger Berg“ zu locken, der damals noch nicht offiziell dazugehört hatte. Auf St. Pauli mischten sich fortan das liederliche Milieu mit Lieder singenden Musikern, Attraktionen mit Anspruchsvollem und Underground-Kultur mit dem wirklichen Untergrund.
Ausgerechnet die kriminellen Ausgeburten des anwachsenden Rotlichtbezirks, darunter der Frauenmörder Fritz Honka oder die Bandenkriege der Luden-Gangs, sollten Literaten und Filmschaffende zu wichtigen Werken inspirieren. Karl Lagerfeld fotografierte in der Herbertstraße Topmodels für die „Vogue“, Heinz Strunk schrieb den Roman „Der Goldene Handschuh“, den wiederum Fatih Akin verfilmte.
Outlaws und Außergewöhnliche
Damals wie heute ist die Reeperbahn ein Kulturbetrieb, in dem die größten Rockstars nicht nur gastieren, sondern mitunter entstehen, ganz nach dem Vorbild der Beatles aus Liverpool, die von Hamburg aus ihre Weltkarriere starteten. Selbst die plattdeutsche heimliche Hymne Hamburgs „An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband“ ist hier bekannt geworden. Die jüdische Musikerfamilie Isaac trat damit in den Spielbudenplatz-Theatern als „Gebrüder Wolf“ auf.
Bis heute kommen von der Reeperbahn und dem sie umgebenden Kiezviertel wichtige kulturelle Impulse für die Metropole. Für das Selbstverständnis der Hansestadt hat es vermutlich mehr beigetragen, als sich die vielen vornehmen Händlerdynastien eingestehen wollen. Ausgerechnet die Outlaws und ursprünglich Ausgestoßenen haben an der Identitätsbildung Hamburgs maßgeblich mitgewirkt.