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Krimi: Sie lässt die Toten sprechen

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten Schumann & Schlenz. Nr. 1: Patricia Cornwell:"Ein Fall für Kay Scarpetta".

"Ich nahm ein langes Thermometer aus meiner Tasche und prüfte die Temperatur im Zimmer, dann die ihres Körpers. Die Luft hatte einundzwanzig, ihr Körper dreiunddreißigeinhalb Grad. Die Todeszeit ist ziemlich enttäuschend für die meisten Leute. Sie kann nicht genau bestimmt werden, es sei denn, es gibt einen Zeugen, oder die Timex-Uhr des Opfers bleibt stehen. Aber Lori Petersen war noch nicht länger als drei Stunden tot. Ihr Körper war ein bis zwei Grad pro Stunde abgekühlt, und die Totenstarre hatte in den kleinen Muskeln bereits eingesetzt."

Es gibt Bücher, die liest man und erinnert sich noch Jahre danach, wie es damals war, als man eintauchte in die Fantasiewelt eines Schriftstellers. Wie man mitgerissen wurde und nicht mehr loslassen konnte. An die besondere Stimmung, die Patricia Cornwells Roman bei uns erzeugt hat, erinnern wir uns beide noch sehr gut.

Als leidenschaftliche Krimi-Leser haben uns die Toten literarisch immer begleitet. Aber sie waren sozusagen Mittel zum Zweck. Sie starben, damit wir gemeinsam mit dem Ermittler den Täter suchen konnten, und damit hatten sie ihre Schuldigkeit getan. Patricia Cornwell aber stellte die Toten in ihrem gefeierten Debüt "Ein Fall für Kay Scarpetta" in den Mittelpunkt der Geschichte. Die Toten und die Frau, die ihnen nach und nach ihre Geheimnisse entlockte. Mit einer sonderbaren Mischung aus Faszination und Schaudern verfolgten wir, wie die Pathologin Kay Scarpetta ihre Leiber öffnete, ihre Körper akribisch absuchte, mikroskopische Spuren sicherte, untersuchte und schließlich nach und nach Zeichen erkennen konnte, die sie auf die Spur des Täters brachte.

"Ein Fall für Kay Scarpetta" öffnete ein völlig neues, ein ganz eigenes Kapitel der Spannungsliteratur; das war aufregend, ein wenig abstoßend und verdammt realistisch. Wir wollten mehr lesen von dieser Pathologin. Und das ging nicht nur uns so. "Ein Fall für Kay Scarpetta" (im Original "Post Mortem") wurde international ein Bestseller und legte den Grundstein für eine grandiose Karriere. Patricia Cornwell ist heute eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Welt. Ihr erster Fall, die Jagd nach einem brutalen Frauenmörder, ist ein würdiger Auftakt unserer stern-Krimi-Bibliothek. Ein extrem aufregender Thriller mit überraschenden Wendungen, der nebenbei mit Wucht unser Macho-plumpes Vorurteil widerlegte, Krimis seien reine Männersache.

Die US-Amerikanerin Patricia Cornwell, Jahrgang 1956, arbeitete nach ihrem Englischstudium sechs Jahre lang als Assistentin und Computeranalytikerin der Gerichtspathologie von Virginia. Sie hat an mehr als 100 Autopsien teilgenommen. Dass ihre Heldin autobiografische Züge trägt, dass Cornwells medizinische Erfahrung auf jeder Seite spürbar ist, macht das Werk umso glaubwürdiger.

Unser Fazit: Der erste Auftritt von Kay Scarpetta ist mit Abstand ihr stärkster. Schnörkellos, ohne Mätzchen. Mit einem grandios spannenden Grundkurs in Forensik und Pathologie.

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