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Lee Child "Größenwahn": Eine literarische Achterbahnfahrt

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten Schumann & Schlenz. Diese Woche: Lee Child: "Größenwahn".

Ich wurde in Eno's Diner verhaftet. Um zwölf Uhr. Ich aß gerade Rühreier und trank Kaffee."
(Lee Child: "Größenwahn")

So lakonisch und unprätentiös beginnt Lee Child seinen ersten Roman. Und der schnelle Einstieg ist Programm. Bitte fest anschnallen. Und machen Sie sich gefasst auf eine literarische Achterbahnfahrt. Wir stellen Ihnen Jack Reacher vor, den Ich-Erzähler aus "Größenwahn". Reacher ist einer der wirklich ganz harten Burschen. Ehemaliger Top-Ermittler der US-Army. Ein Riesenkerl, kräftig, kampferprobt. "Soldaten", erzählt Reacher, "sind extrem gut ausgebildete Mörder. Also ist ein Militärpolizist noch besser ausgebildet. Für den Kampf mit oder ohne Waffen." Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst zieht Reacher quer durch die USA. Ein Einzelgänger, der nur seine Ruhe will. Allein, man lässt ihn nicht. In seinem ersten Abenteuer geht es gleich damit los, dass man ihn versehentlich als Hauptverdächtigen in einem Mordfall verhaftet. Klar, dass Reacher seine Unschuld beweisen und den Fall lösen muss.

Lee Child, Jahrgang 1954,

ist so etwas wie der Mike Tyson unter den Thrillerautoren. Der fackelt nicht lange. Er hat uns beide nicht geschont und schont auch Sie nicht; er beschreibt, wie es wirklich zugeht, klingt und riecht, wenn sich Menschen schlagen oder aufeinander schießen. Da brechen Knochen, da bluten Wunden, da sterben eine Menge Leute. Aber da ist mehr als nur pure, harte Action in Childs Romanen. Sie sind sorgfältig komponiert, haben intelligente Plots und zeigen ein Amerika, das unter seiner hübschen Oberfläche korrupt und gewalttätig ist.

"Größenwahn" ist, da sind wir beide uns einig, ein herausragendes Werk des Genres und der bisher beste Roman des Engländers und Wahlamerikaners Child. Mit "Größenwahn" gelingt Child eine literarische Fusion des Westerns mit dem modernen Großstadt-thriller. Jack Reacher ist der "lonesome rider", in unsere Zeit versetzt. Der einsame Rächer, der mysteriöse Held ohne Wurzeln, der sich widerwillig einmischt, das Böse besiegt und dann weiterzieht, verdammt zur Einsamkeit. Hinein ins nächste Abenteuer. Und Reacher kämpft dabei nicht nur mit seinen Fäusten. Seine Fähigkeiten als Ermittler haben nahezu Sherlock-Holmes-Niveau. Auch Freunde verzwickter Krimi-Handlungen werden hier prächtig bedient.

Lee Child studierte Jura und hat einige Jahre beim britischen Fernsehen gearbeitet. Man merkt seinen Büchern den Blick fürs Filmische an. Hollywood hat das Potenzial der Child-Romane längst erkannt. Die Filmrechte sind verkauft. Im Gespräch für die Rolle des Jack Reacher ist der Schauspieler Hugh Jackman, bekannt als Wolverine aus "X-Men". Unser Fazit: Lee Child schreibt wie ein Herausforderer, der um die Weltmeisterschaft boxt. Immer unter Dampf, immer im Vorwärtsgang, ein Trommelfeuer von Haken und Geraden. Wer beim Lesen keine schweißnassen Hände bekommt, sollte mit seinem Arzt reden.

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