Mann-Biografie Die Frauen des Zauberers


Über Thomas Mann und seine Familie ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Erstmals liegt mit der Biographie Hildegard Möllers der Versuch vor, die Mann-Frauen in den Vordergrund zu rücken.

Es wiegt schwer, das Erbe des "Zauberers". Thomas Mann, in seiner Familie "Zauberer" genannt, ist das Maß aller Dinge - vor allem eben in seiner Familie. Das ist zwar nicht neu: Zahllose Mann-Biografien liegen vor, dazu mehrere Lebensberichte über seine Kinder und seine Frau Katia. Neu ist aber der Versuch Hildegard Möllers, mit dem Buch "Die Frauen der Familie Mann" deren Beziehungen untereinander und Lebensentwürfe zu beschreiben. Doch beim Versuch bleibt es: Im Mittelpunkt stehen eigentlich nicht Katia und ihre Töchter Erika, Monika und Elisabeth, sondern der große Dichter, dessen langer Schatten auf das Leben seiner Kinder fällt.

Der lange Schatten des Vaters

"Was für eine sonderbare Familie wir sind! Man wird später Bücher über uns - nicht nur über einzelne von uns - schreiben", notiert der älteste Sohn des Schriftstellers, Klaus Mann, 1936 in sein Tagebuch. Wie recht er hatte - und doch wieder nicht: Denn selbst wenn das Interesse an den Manns ungebrochen scheint, im Grunde dreht sich alles um den großen Dichter. Und dieses Phänomen erklärt möglicherweise auch die Schwierigkeiten der Mann-Kinder, aus dem Schatten des Vaters zu treten.

Denn nur der jüngsten Tochter Elisabeth gelingt es, beruflich und familiär einen eigenen Lebensweg zu beschreiten. Doch trotz ihrer völlig anders gearteten Arbeit - sie widmete sich dem Schutz der Meere - vergleicht sie sich noch im hohen Alter mit dem Vater. Erika, die Älteste und Lieblingstochter Thomas Manns, schreibt Kinderbücher und gründet in München das Kabarett "Die Pfeffermühle", doch sie scheitert an einem eigenen, unabhängigen Leben ebenso wie an einer Autobiografie. Monika, die Mittlere, ist die ungeliebte Tochter der Manns, deren schriftstellerische Versuche keinerlei Anerkennung in der Familie finden.

Katia Mann: Wegbereiterin des Dichters

Im Mittelpunkt der Familie steht Katia Mann, zwar im Schatten ihres Mannes, doch mit einer wichtigen Funktion: Immer ist sie damit beschäftigt, unter allen Umständen die Verhältnisse zu schaffen, die der Dichter zum Schreiben brauchte.

"Nie hat sie das geringste 'von sich hergemacht'; immer ist sie zurückgetreten, auch hinter der eigenen Leistung; und für sich selbst hat sie überhaupt nichts gewollt, - weder in der Öffentlichkeit noch sonst", schreibt Erika 1953 zum 70. Geburtstag der Mutter.

Die Mann-Männer sind im Vordergrund

All dies arbeitet Möller, Redakteurin, Dokumentarin, Übersetzerin historisch-politischer Werke und Mitarbeiterin am Projekt "Deutschsprachige Emigration nach 1933", faszinierend heraus. Dennoch: Unverkennbar ist, dass nicht nur die Frauen der Familie unter der schöpferischen Übermacht des Vaters und seinen strengen Normen litten, sondern wohl alle seine Kinder. So drängen sich unversehens auch die Männer der Familie ins Bild. Über Thomas Mann und die Söhne Klaus, Golo und Michael erfährt der Leser kaum weniger als über die drei Töchter.

Ist damit das anspruchsvolle Vorhaben also nicht mehr - und nicht weniger - als eine weitere Biografie über die Familie? Wohl eher ja, aber eine spannende: Akribisch beschreibt die Autorin den Alltag der Manns, die Reisen, Krankheiten, Streitereien und die Faszination, die das Elternhaus auf die Mann-Kinder ausübte. Zwar wirkt die Fülle an Details etwas nüchtern, wenig literarisch, doch bezeichnend für die Rolle vor allem Thomas Manns. Etwa, wenn Katia und Erika beraten, ob der Dichter beim Schreiben gestört werden kann, um zu erfahren, dass der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist: "Und nach einigem Hin und Her beschlossen wir, das hat um eins auch noch Zeit, er soll ruhig sein Abschnittchen heute noch fertig machen", erzählt Erika.

Thomas Strünkelberg/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker