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Marcel Reich-Ranicki:: "Literatur ist nur mein Ersatzvaterland"

Marcel Reich-Ranicki: "Literatur ist nur mein Ersatzvaterland"

Hamburg - Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat in einem stern-Interview seinen Feuilleton-Kollegen vorgehalten, sie schrieben "nicht unbedingt für ihre Leser", so Reich-Ranicki in dem Gespräch, "sondern eher für ihre Kollegen." Dabei vergäßen sie, "dass die meisten Leser weder Latein noch Griechisch gelernt haben. Die meisten Fremdwörter sind vollkommen überflüssig."

Außerdem wirft Reich-Ranicki den Kritikern in stern-Interview vor, dass sie sich nicht mit der Trivialliteratur auseinandersetzten. So habe es zu den "Sünden der Literaturkritik" in der Weimarer Republik gehört, dass sie sich beispielsweise um die rührseligen Romane der Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler überhaupt nicht gekümmert hätte. "Man hätte zeigen müssen, wie das Zeug gemacht ist. Die Medizin kann auf die Stuhlgang-Analyse auch nicht verzichten."

Viel Lob, aber auch kritische Einwände hat Reich-Ranicki für Elke Heidenreich übrig, die mit großem Publikumserfolg ihre Literatursendung "Lesen!" im ZDF etabliert hat. Heidenreich könne "glänzend Zuschauer überzeugen, dass sie bestimmte Bücher lesen sollen". Eine Kritikerin aber, so Reich-Ranicki zum stern, sei sie überhaupt nicht, "den Anspruch stellt sie ja auch nicht". Um so bedauernswerter sei es, dass sie ihrer Konzeption, nur Bücher zu empfehlen, untreu geworden sei und "verrissen" habe, "nämlich das Kinderbuch von dieser Madonna".

Obwohl er "nicht eine Zeile" eines "Harry Potter"-Romans gelesen habe, ist Reich-Ranicki der Ansicht, es sei "besser, die Leute lesen so einen ‚Harry Potter‘ als überhaupt nichts. Da können sie sich jedenfalls üben in der Kunst, Buchstaben zu lesen" und würden sich danach vielleicht anspruchsvolleren Werken zuwenden.

In Anlehnung an ein Zitat von Heinrich Heine, die Juden hätten aus der Heiligen Schrift ein tragbares Vaterland gemacht, habe Reich-Ranicki früher empfunden, "mein tragbares Vaterland ist die deutsche Literatur". Inzwischen habe er aber festgestellt, dass dies "doch nur ein Ersatzvaterland" sei.

Einen Seitenhieb auf Martin Walser, dem er seit der Kontroverse um den Roman "Der Tod eines Kritikers" in Feindschaft verbunden ist, kann sich Reich-Ranicki im stern-Interview nicht verkneifen. Walser interessiere am deutschen Feuilleton "nur eins, das meine ich in vollem Ernst: ob er gelobt wird oder nicht".