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Naoki Higashida: Bestseller-Autor kann kaum sprechen – doch durch seine Bücher zeigt er, wie Autisten die Welt sehen

Im Alter von fünf Jahren wurde bei Naoki Higashida nonverbaler Autismus diagnostiziert. Der 26-jährige Japaner kann dafür umso besser schreiben. Seine Bücher gewähren einzigartige Einblicke in die Innenwelt eines Autisten.

Naoki Higashida

Naoki Higashida versucht der Welt nahezubringen, wie Autisten denken

Schreiben ist alles, was Naoki Higashida hat. Der Japaner ist nonverbaler Autist und kann kaum sprechen. Im Alter von fünf Jahren wurde diese besonders schwere Form des Autismus bei ihm festgestellt. Heute ist Naoki Higashida 26 Jahre alt – und Bestseller-Autor. In seiner Heimat ist er ein bekannter Schriftsteller, der Gedichte, Essays und Bücher verfasst. Gerade ist ein weiteres Buch von ihm, "Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen", auf Deutsch erschienen.

Verbal kann sich Higashida kaum ausdrücken, schriftlich dafür umso besser. Im Alltag macht er sich verständlich, indem er auf Buchstaben auf einer Tafel zeigt, manchmal tippt er auf einer Tastatur. Doch oft ist schon das Schreiben am Computer für ihn eine zu große Ablenkung, er verliere sich dann oft in einzelnen Buchstaben, erzählt er. "Wer diese Erfahrung nicht selbst gemacht hat, wird durchs Leben gehen, ohne zu ahnen, wie seelenzerschmetternd eine solche Wortlosigkeit ist." Nur ein kleiner Einblick in die Welt eines Autisten, die neurotypischen Personen (so nennen Autisten Menschen mit "normaler" neurologischer Entwicklung) normalerweise verschlossen bleibt.

Naoki Higashida: Erster Bestseller mit 13 Jahren

Autisten haben oft schon im jungen Alter besonders stark ausgeprägte Fähigkeiten. Higashida schrieb mit 13 Jahren seinen ersten Bestseller: "Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann". In dem Buch führt Higashida durch sein Leben und beantwortet oft gestellte Fragen. In 30 Sprachen wurde das Werk übersetzt, kletterte auch in den USA und Großbritannien an die Spitze der Amazon-Verkaufslisten und bekam überschwängliche Kritiken. Vor allem für Autisten auf der ganzen Welt, aber auch ihr direktes Umfeld, war Higashidas Buch eine Art Befreiungsschlag. Es gibt viele Bücher über Autismus, aber wenige, die so direkt und ungefiltert aus der Feder von jemandem kommen, der von einer solch schweren Form des Autismus betroffen ist.

Hier durchbrach endlich jemand die Wand des Schweigens, hinter der er scheinbar gefangen war, und zeigte der Welt nicht nur, wie er sie sah, sondern auch, wie seine eigene Welt funktionierte. Viele Betroffene fühlten sich verstanden und repräsentiert, viele Menschen, die mit ihnen täglich zu tun haben und oft ratlos sind, bekamen wichtige Einblicke.

Trotz Autismus denkt er wie ein Erwachsener

"Ich kann nicht gut sprechen, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht denke", hat Higashida in einem Interview mit dem "Time Magazine" erzählt: "Es ist nur so, dass die Wörter in meinem Kopf verschwinden, wenn ich zu sprechen versuche." Auch in seinem neuen Buch erzählt Higashida aus der Stille des Autismus. In kleinsten Details legt er dar, was ihm durch den Kopf geht, bis er versteht, dass das Geräusch, das er gerade wahrnimmt, Regen ist.

Zwölf Gedankenschritte braucht sein Gehirn, um etwas zu begreifen, was ein neurotypisches Gehirn in Sekundenbruchteilen einordnen kann. Auch sein Zeitgefühl funktioniert anders: "Wenn ich für einen Moment nichts zu tun habe, erlebe ich das so als würde ich in alle Ewigkeit nichts mehr zu tun haben."

"Entscheidet nicht für uns"

Oft wirkt Higashida wie ein Kind, in vielen Dingen braucht er die Unterstützung seiner Familie. Gedanklich aber kann er die Welt wahrnehmen wie ein Erwachsener – der "Guardian" schrieb über "Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann" sogar, dass Higashida als 13-Jähriger seinen Platz in der Welt besser verstanden habe als mancher 30-Jähriger. Autisten wollten nicht ständig als Sonderfälle behandelt werden, ist eine seiner Kernaussagen in seinem neuen Buch, sie wollten die Chance bekommen, die Welt selbst zu erfahren: "Entscheidet nicht für uns, weil ihr findet: 'Die verstehen das doch sowieso nicht' oder: 'Die wirken eigentlich nicht besonders interessiert'."

Und deshalb schreibt Higashida, um seinen Gedanken eine Stimme auf dem Papier zu geben, aber auch allen anderen, denen es so geht wie ihm. Sein größter Wunsch: "Ich würde mir nur wünschen, dass neurotypische Menschen verstehen, wie es in unserem Kopf aussieht." "Dornen im Herzen" nennt er diese Dinge, die er wohl niemals tun oder verstehen können wird. Was er als Erstes sagen würde, wenn er einfach reden könnte, wie er denkt, weiß Naoki Higashida ganz genau: "Ich danke dir so sehr für alles, Mama."

Quellen: "Time Magazine", "Guardian"

So nehmen Autisten die Welt wahr
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