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Pro und Contra: Soll Harry Potter sterben?

Am Samstag erscheint "Harry Potter and the Deathly Hallows", der siebte und letzte Band der Saga um den jungen Zauberer. Florian Güßgen und Angelika Unger streiten darüber, ob Harry Potter beim großen Showdown mit Lord Voldemort sterben soll.

WARUM HARRY STERBEN MUSS

Zwei Hauptfiguren müssen sterben, hat Joanne Rowling gesagt. Und ich sage: Harry muss dabei sein. Warum? Weil jede Geschichte ein Ende braucht. Mehr als 3400 Buchseiten füllt der Konflikt zwischen dem machtvollen bösen Meistermagier Voldemort und dem scheinbar chancenlosen, aber unerschrockenen jungen Harry. Undenkbar, dass die Reihe endet, ohne dass David auf Goliath trifft.

Eins ist wohl klar: Voldemort darf den Showdown nicht überleben. Denn sonst wäre die Welt dem Untergang geweiht - mit dieser düsteren Zukunftsvision wird Rowling ihre Leser nicht entlassen wollen. Doch wenn Voldemort stirbt, muss auch Harry sterben.

Bitte kein Harry mit grauen Haaren und Butterbier-Bauch

Harry Potter ist der Auserwählte, ein moderner Messias: Sein Job ist es, die Welt zu retten vor der Bedrohung durch das ultimative Böse. Hat er Lord Voldemort erst erledigt, gibt es für ihn keinen Grund mehr zu bleiben. Jesus fuhr auf in den Himmel, nachdem er für die Sünden der Menschen gestorben und wieder auferstanden war. Frodo schleuderte "Den Einen Ring" in das Feuer des Schicksalsberges und segelte dann nach Westen zu den unsterblichen Landen. Solch Metaphorik ist zu viel für die Potter-Jünger - deshalb muss Harry ganz prosaisch ins Gras beißen.

Wer nun um den armen Harry jammert, sollte sich einmal die Alternativen durch den Kopf gehen lassen. Was soll stattdessen aus ihm werden? Schulleiter in Hogwarts? Wildhüter-Assistent an Hagrids Seite? Käptn des englischen Quidditch-Teams? Bitte nicht! Ich will keinen Harry mit Falten, grauen Haaren und Butterbier-Bauch. Ich will nicht lesen, wie er Ginny Weasley heiratet und mit ihr ein halbes Dutzend zauberhafter Zaubererkinder bekommt.

Kill your darlings - und mach' sie so unsterblich

Dann lieber ein Ende mit Schrecken - das hätte auch für J.K. Rowling sein Gutes: Sie hätte Ruhe vor der nimmersatten Fangemeinde, die auch vor Butterbier-Bäuchen nicht zurückschreckt. Kill your darlings - und mach' sie so unsterblich. Wie das geht, haben zwei andere Briten schon vorgemacht: Agatha Christie tötete Hercule Poirot, Arthur Conan-Doyle ließ Sherlock Holmes sterben.

Soll Harry Potter sterben?

Auch um die seelische Gesundheit der jugendlichen Fans muss keiner fürchten - Rowling hat ihren jungen Lesern schon mehr als genug zugemutet: abgehackte Hände, brutal abgeschlachtete Einhörner, schwarze Kreaturen, die ihren Opfern mit einem Kuss die Seele aussaugen. Sie ließ Harrys Patenonkel sterben und zuletzt, in Band 6, seinen väterlichen Mentor, den Schulleiter Albus Dumbledore. Die Bücher sind längst keine Kinderbücher mehr, nicht selten geht es düster und brutal zu wie in einem Film noir.

Viele gute Gründe also, das "Avada Kedavra!" über Harry zu sprechen. Das sehen auch die Engländer so. Der größte Londoner Buchmacher nimmt schon seit Februar keine Wetten mehr auf Harrys Überleben an; allein über die Frage nach dem Mörder darf man noch spekulieren.

Und genau deswegen fürchte ich, dass Harry am Ende doch überlebt: Sein Tod wäre einfach zu nahe liegend. Die Queen der Twists and Turns wird auf den letzten Seiten ein paar unerwartete Volten schlagen - und uns am Ende ein zuckersüßes Happyend mit einigen Kollateralschäden bescheren. Schade eigentlich.
Angelika Unger

WARUM HARRY LEBEN MUSS

Es mag gute Gründe für ein Ableben Harrys geben. Aber es gibt bessere Gründe dafür, ihn leben zu lassen. Lange und glücklich.

Der erste bessere Grund bin ich selbst. Mein erster Trauerfall war Winnetou. Und so etwas möchte ich nicht noch einmal erleben. Ich war neun, als er starb, und ich war sein bester Freund, denn ich war Old Shatterhand. In der Stunde des Todes saß ich auf meinem Bett, las die letzten Seiten des dunkelgrün gebundenen Karl-May-Schinkens und heulte bitterlich - nicht lange freilich, weil man als Old Shatterhand nicht lange weint. Aber ich blieb unendlich traurig, unendlich lange traurig.

Seither weiß ich, dass Helden nicht sterben sollen. Nicht, wenn sie Winnetou heißen, und schon gar nicht, wenn sie Harry Potter heißen. Im Gegenteil: Harry muss leben! Lange! Bitte! Den haarigen Frodo habe ich nie gemocht.

Verantwortung für die globale Gemütslage

Klar, es ist vor allem meine private Verlustangst, die mich hier treibt, aber nicht nur. Es geht auch um die Gefühlswelt von Millionen, ach was, von Milliarden kleinen und großen Potteristen. Sie alle würden Harrys Tod emotional sicher schwer verkraften, vielleicht Traumata davontragen, möglicherweise depressiv werden, im schlimmsten Fall - Vorsicht, Dementoren! - sogar den eigenen Lebensmut verlieren. Rowling hat hier eine Verantwortung für die globalisierte Gemütslage. Dieser kann sie nur gerecht werden, wenn sie Harry den Tod erspart. Er muss leben!

Harry Potter und die Fackel der Aufklärung

Auch historische, kulturhistorische, ja sogar philosophische Argumente kann ich ins Feld führen. Nehmen wir jene Todes-Freaks, die behaupten, Harry Potter und Herr Voldemort müssten sich in einem kathartischen Akt dialektischer Aufhebung gegenseitig das Licht ausblasen, beide in einer Art Urkampf untergehen, bevor der Rest der Welt glücklich weiterleben könne.

Das ist Unsinn - und auf Prophezeiungen darf man ohnehin nichts geben. Sicher, historisch und kulturhistorisch ist Potter in einer Zeit in unser Leben getreten, in der zu Beginn des neuen Jahrtausends eine düstere, schwüle Endzeitstimmung herrschte: Der 11. September 2001, der Terrorismus, der Aufklärungsgegner Bush. Im globalen Kino fand dieses Lebensgefühl nicht zuletzt in der Endzeitschlacht im "Herr der Ringe" ihren blutigen, mächtigen und bedeutungsschweren Ausdruck.

Aber Potter passt eben nur auf den ersten Blick in dieses Schema. Sicher, seine Geschichte wandelt sich von einer Internatsgeschichte zu einem scheinbar eindeutigen, brutalen Kampf Gut gegen Böse. Aber Gut und Böse sind eben nur scheinbar eindeutig verteilt. Denn tatsächlich sind die Figuren ungleich subtiler, ambivalenter als etwa in Tolkiens Werk. So trägt Potter Voldemort stets in sich, mit sich: Er versteht die Schlangen, der "Sprechende Hut" hätte Harry fast in das Haus Slytherin geschickt. Und: Wie ehrenhaft Harrys Vater James wirklich war, etwa im Umgang mit Snape, das ist auch noch nicht ganz raus.

Rowling muss der Versuchung widerstehen

Es würde den ersten sechs Bänden nicht gerecht werden, wenn Rowling sich nun endgültig dem Schwülstig-Monumentalen hingeben würde. Ein Harry, der den Märtyrertod stürbe oder dessen Widersprüchlichkeiten gemeinsam mit Voldemort allesamt weggespült würden, käme einem Kniefall vor der Schwarz-Weiß-Weltsicht der Anti-Aufklärer gleich.

Deshalb muss Harry Potter leben, überleben, quasi als Ausdruck des Siegs der Aufklärung, als Ikone der Hoffnung, tänzelnd-lachend, nicht, Bruce-Willis-artig, blutüberströmt. Vielleicht kann er ja sogar noch ein bisschen Voldemort in sich tragen, das stete Böse, die ewige Versuchung. Den Widerspruch.

Die Schlimmste aller Varianten

Es wäre schlimm, wenn Harry dieser Tage sterben müsste. Noch schlimmer wäre allerdings eine bestimmte Variante des Überlebens: Was nämlich, wenn Harry zwar in der Handlung stirbt, aber dann, im nächsten Moment, in seinem Bett bei den Dudleys schwitzend aufwacht? Wenn er alles nur geträumt hat, sich alles nur erträumt hat, und dann vielleicht zu allem Übel noch mittags von den Eltern abgeholt wird, die tatsächlich noch leben, und ihn mit ins Freibad nehmen wollen?

Das wäre das aller-enttäuschendste aller vorstellbar-enttäuschenden Enden. Dann nämlich würde uns Rowling brutal wissen lassen, dass es die Zauberwelt Potters gar nicht gibt. Kein Hogwarts, kein Quidditch, kein Hagrid, kein Ron, keine Hermine, keine Weasley-Tricks, keine "Sprechenden Hüte".

Dieser Verlust wäre für die Menschheit schlimmer als Harrys Tod. Für mich wäre sie schlimmer als der Tod Winnetous. Das darf nicht geschehen. Harry muss leben - in seiner Zauberwelt. In unserer Zauberwelt. Dafür nehme ich in Kauf, dass Rowling irgendwann noch einmal einen Band schreibt.
Florian Güßgen