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ROMAN: Nicol Ljubic: Mathildas Himmel

Der junge Berliner Autor Nicol Ljubic steigt ganz oben ein: »Mathildas Himmel« nennt er seinen ersten Roman - und erzählt darin von einem Mädchen, das tief fällt.

»Als Mathilda den Himmel malen musste, damals, im ersten Schuljahr, verwendete sie so viel schwarze Farbe, dass ihr Himmel der letzte war, der trocknete.«

Blau ist Mathildas Himmel nur an einer Stelle. Viereckig, briefmarkengroß und verglast, seine Weite in rechte Winkel gebannt. Denn das ist Mathildas Sicht auf die Welt: ihr Blick aus dem kleinen Fenster ihres Kinderzimmers. Das Mädchen lebt in einem normalen Einfamilienhaus in einer netten, adretten Siedlung. Gestutzter Vorgarten zwischen Zäunen. Ein Vater, der arbeiten geht und sehr laut werden kann; eine Mutter, die still ist und mittags mit dem Essen wartet. Eine geordnete, geharkte Welt ist das, und wenn es hier Unglück gibt, dann sind die Spitzengardinen davor.

Bis zu dem Tag, an dem Mathilda achtzehn wird. Da bringt ein einziger Satz zum Einsturz, was sie nie infrage gestellt hat. »Ich bin nicht dein Vater«, sagt am Frühstückstisch der Mann, der eben noch »Papa« war, und erzählt ihr eine Geschichte von zwei jungen Menschen, die einfach nur Spaß miteinander haben wollten, aber kein Kind und keine Verantwortung.

Ein paar Stunden später geht Mathilda: haut ab nach Hamburg, schmeißt das Abitur, jobbt als Kellnerin, verteilt Flyer für eine Table-Dance-Bar und hat ekligen Sex. Eine verwirrte junge Frau, die es offenbar darauf anlegt, ihrer Seele Schmerzen zuzufügen. Letztlich jedoch ist alles, was sie tut, eine stumme, wütende Auseinandersetzung mit »ihm«, dem falschen Vater. Und mit einer Biografie, die sie erst wieder Stück für Stück zusammensetzen muss. Bis sie begreift, dass der Himmel auch ganz anders als schwarz, nämlich hell und weit sein kann.

Der Berliner Autor Nicol Ljubic, Jahrgang 1971, erzählt in seinem melancholischen Debütroman »Mathildas Himmel« von der Suche eines starken jungen Mädchens nach sich selbst und nach Identität. Er erzählt von den Nöten des Erwachsenwerdens und von Familien, in denen es für Gefühle keine Worte gibt. Und die, obwohl sie miteinander leben, Fremde bleiben.

Mit erstaunlich klarer Sprache nähert er sich seinem Thema, aufrichtig und mit großer Ernsthaftigkeit. Vor allem aber

beweist der auch als Journalist arbeitende Ljubic ein feines Gespür für jene winzigen, kaum wahrnehmbaren Blicke, Gesten und Zwischentöne, die uns viel stärker mit einem anderen verbinden - oder von ihm trennen - als all die Worte, die wir ihm sagen.

Silja Ukena

»Mathildas Himmel«, Eichborn Verlag, 168 Seiten, 16,90 Euro

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