HOME

Stern-Archiv: Basar der roten Kutten

Ortstermin in Dharamsala: Das indische Asyl des Dalai Lama ist zum Tummelplatz westlicher Pilger geworden: Rummel statt Stille, Videos statt Meditation. Und der Meister lächelt nur dazu

Das ist doch alles nur ein Trick: Wie er sich über sein schlechtes Gedächtnis lustig macht, wie er abschweift und den Faden verliert. Wie der Gottkönig behauptet, er wisse dies und jenes auch nicht so genau, und wie er nichtswürdigen Besuchern die Hände drückt, als sei die Ehre ganz auf seiner Seite. Am liebsten tut der Dalai Lama so, als sei er auch nur ein Mensch. Auf den ersten Blick hat der nette, ältere Herr mehr Bizeps als Charisma. Statt auf einen Thron läßt er sich in einen abgesessenen Sessel fallen, über ihm schwebt kein Heiligenschein - nur eine riesige Tibet-Karte und unzählige Auszeichnungen aus aller Welt, die an den Wänden seiner Audienzräume verstauben. Nach langen Vorlesungen im Tempel schaut er müde aus seiner weinroten Mönchskutte, als würde er lieber mal zuhören, statt Buddhismus-Amateuren ständig die Welt zu erklären.

Alle wollen sie was von ihm. Manager von Prominenten betteln per Fax um Privataudienzen, zerzauste Pilger werfen sich vor ihm in den Staub, und Touristen hoffen auf einen kurzen Augenblick von ihm. Indische Sicherheitsleute trommeln nervös auf ihre Maschinenpistolen, durchsuchen jeden, der den Dalai Lama auf dem Weg zum Tempel sehen will. Er schenkt jedem einzelnen ein Lächeln. Dabei hat der bestbewachte Asylant der Welt nicht viel zu lachen, trotzdem läßt er keine Gelegenheit dafür aus: Über den Eindruck, im Westen würden immer mehr Laien ernsthafter praktizieren als viele tibetische Mönche, da könnte er sich ausschütten. Kurze Gesprächspausen füllt er einfach und ohne ersichtlichen Grund mit einem verbindlichen Gelächter über mehrere Oktaven. Und plötzlich kann er selbst mitten in seinen tantrischen Ausführungen vor 2000 Mönchen im Tempel nicht mehr an sich halten. Bei weniger heiligen Leuten würde man leichtes Irresein vermuten.

Bei einem Erleuchteten schließt sich diese Diagnose wohl aus. Hinter einer Säule entdeckt er STERN-Fotograf Jay Ullal. Die beiden kennen sich seit 40 Jahren. 'Hey, Jay, du siehst alt aus. Ich auch. Wir sind beide älter geworden' - und lacht so laut, daß die Mönche in den hinteren Reihen erschreckt aufwachen. Im Interview wird er nachdenklicher, redet über die bevorstehende Reise nach Deutschland, die Anziehungskraft des Buddhismus auf Europäer. 'Ich sehe zwei Typen. Der erste ist mit seinem materiellen Leben unzufrieden und sucht in einer östlichen Philosophie Antworten. Auf der anderen Seite gibt es intelligentere Leute, die sich mit unserer Forschung über Lehre und Tod auseinandersetzen. Einen großen Physiker wie Carl Friedrich von Weizsäcker würde ich sogar als meinen Guru bezeichnen.' Dann springt er auf, zeigt auf einer Tibet-Karte, wo er geboren wurde, und kichert wieder. Der Mann hat Ausstrahlung.

Monika Kuhlmann, 26, aus Wolfsburg bekommt von seinem Lächeln 'Gänsehaut und warme Schauer'. Sie ist katholischer Formel-1-Fan und wollte auf ihrer Indienreise zwischen Kaschmir und Tadsch Mahal unbedingt auch den Dalai Lama besichtigen. Jetzt zerrt sie ihren Mann Christian täglich auf den Tempelberg, 'weil uns dort jedes Mal ein völlig naives Glück durchströmt' und 'weil allein seine Ausstrahlung Antworten verspricht'. Was hat dieser Mönch wohl in seinen vorigen Leben angestellt, daß alle von ihm wissen wollen, wie es weitergeht im Leben? Er ist doch nur Oberhaupt eines kleinen geknechteten Bergvolkes. Vertrieben, entwurzelt - ein Asylant. Von 63 Lebensjahren seit seiner letzten Reinkarnation verbrachte er 40 im Exil. Dharamsala am Fuß des Himalaya ist seine zweite Heimat geworden. 1959 flüchtete er verkleidet vor den chinesischen Besatzern. Mehr als 100 000 Tibeter folgten ihm bis heute. Sie leben in Indien und Nepal, Bhutan und Kanada, in Schweden, der Schweiz und in Deutschland.

Allein ihr ewig lächelnder Gottkönig und weltreisender Wander-Lama gibt die Hoffnung auf Rückkehr und Freiheit seines Volkes nicht auf. Trotz aller Rückschläge redet er Jahr für Jahr von neuen Fortschritten in seinem gewaltlosen Kampf gegen chinesische Repression und Folter in Tibet. Bis auf einen Friedensnobelpreis und die meisten Ehrendoktorwürden der Welt hat dieser Optimismus bisher wenig gebracht. Noch immer riskieren jeden Monat 300 Tibeter beim Fußmarsch über die Himalaya-Pässe ihr Leben. Aber ohne den Dalai Lama gäbe es die Tibet-Frage vielleicht gar nicht mehr. Die Regierungen der Welt wollen Geschäfte mit China machen. Da stört die ständige Erinnerung an den schleichenden Völkermord auf dem Dach der Welt nur.

Des Lama ewig frohe Botschaft 'Alles wird gut' läßt einige seiner Landsleute langsam verzweifeln. Vor allem junge Buddhisten des 'Tibetischen Jugendkongresses' fordern immer lauter einen aggressiveren Kampf. In Tibets besetzter Hauptstadt Lhasa explodierten bereits die ersten Bomben. Auch Dharamsala hat seine Unschuld verloren. Im vergangenen Jahr wurden ein Abt und zwei Mönche ermordet. Hintergrund ist ein religiöser Streit um die jahrhundertealte Anbetung des Schutzgeistes Dorje Shugden, der dem Volksglauben nach gern auf einem Schneeleoparden durch ein Meer aus kochendem Blut reitet. Der Dalai Lama kämpft seit Jahren gegen diese Geisterverehrung. Traditionalisten werfen ihm vor, er habe damit die Verpflichtung gegenüber seinen Lehrern gebrochen. Die meisten Tibeter praktizieren den Kult inzwischen heimlich. In Europa stören Shugden-Anhänger regelmäßig die Dalai-Lama-Veranstaltungen, werfen ihm in Sprechchören 'Unterdrückung der Religionsfreiheit' vor. Mitte September wurden in Dharamsala zwei Tibeter verhaftet, die seit sechs Jahren in der Nähe des Dalai Lama gelebt und angeblich ein Attentat auf ihn geplant haben.

Die politische Dimension des tibetischen Dilemmas ist den Pilgern meist egal. Jeden Tag quälen sich Inder und Japaner, Amerikaner und Europäer die verschlammten Bergpässe hinauf. Sie suchen einen heiligen Ort der Stille, innere Einkehr und die Nähe des Erleuchteten - und bekommen gleich am ersten Abend auf offener Straße Heroin angeboten. Das Gramm kostet 1000 Rupien, etwa 40 Mark. Inder wissen, was Hippies brauchen. Der Dalai Lama zieht die Touristen an, esoterische Trittbrettfahrer verdienen an Ayurveda-Kuren und Yoga-Kursen. Für 20 Mark gibt es zwei Stunden Shiatsu, Reiki oder Tarot. 50 Hotels sind in den vergangenen Jahren eröffnet worden. Immer mehr Tibeter betreiben Restaurants und Cafes, wollen nicht den Indern allein das Geschäft überlassen. In den engen Gassen stauen sich die Taxis. Tibetische Großmütter verkaufen Strümpfe und Mützen, indische Händler Schmuck und T-Shirts mit dem Aufdruck 'Free Tibet'. Haschisch gibt es, Buddha-Statuen und Cashmere-Pullover.

'Der Ort hat seine heilige Ruhe verloren', sagt Ursula, 71. Die deutsche Nonne lebt seit 23 Jahren in Dharamsala. Sie erklärt Touristen, daß hier nicht immer so ein Rummel war. Daß es immer noch ernsthafte Mönche gibt, die hinter Klostermauern fleißig meditieren und studieren, so wie Kerstin aus Siegburg bei Bonn. Die 30jährige kam vor acht Jahren hierher und wurde Nonne. Seit fünf Jahren lebt sie als einzige Frau in einem Männer-Kloster, studiert Dialektik und kommt mit umgerechnet 30 Mark im Monat für Zimmermiete und Essen aus. Viele ihrer Glaubensbrüder unterscheiden sich nur noch durch ihre weinroten Gewänder von den Touristen im Ort und flirten mit hübschen Westeuropäerinnen, versenden E-Mails im Internetcafe oder treten sich per Joystick bei einem Karate-Videospiel gegenseitig ins Gesicht. In zwei 'Kinos' hocken sie vor einem Fernsehschirm und sehen sich Videos vom 'Pferdeflüsterer' oder 'Lethal Weapon 4' an. So etwas irritiert den buddhistisch interessierten Wohlstandsvegetarier aus dem Westen, der sich alle Tibeter - zumindest aber die Mönche - so vorgestellt hat, wie er den Dalai Lama aus dem Fernsehen oder dessen Büchern kennt: moralisch perfekt, politisch korrekt, bescheiden und friedfertig.

Doch auch der Dalai Lama ist von dieser Welt und macht zumindest kleinere Geschäfte: In seinem Medizinisch-Astrologischen Institut lassen sich Touristen per Pulsdiagnose untersuchen und geheimnisvolle Pillen aus Kräutern und Wurzeln verschreiben, die das Gleichgewicht ihrer Körpersäfte wieder herstellen sollen und im Himalaya nur geerntet werden, wenn die Sterne günstig stehen. In einer kleinen pharmazeutischen Manufaktur hacken Tibeter die bunte Kräutermischung klein, verrühren sie zu Brei und formen daraus Kügelchen. Das Ergebnis schmeckt nach Erde, hat aber sonst keine bekannten Nebenwirkungen.

Die Exil-Tibeter stellen über 300 verschiedene Heilmittel her: Die Ingredienzien sind unter anderem Staub von Saphiren und Diamanten, entgiftetes Gold und Silber. Die Pillen helfen gegen alles und nichts, sollen Asthma, Allergien, Arthritis und Nierenerkrankungen heilen. Im Westen bekannter ist die tibetische Kräuterpille 'Padma 28'. Seit 1984 beschäftigt sich der Hamburger Internist Dr. Egbert Asshauer mit Tibets 'sanfter Medizin'. Er hat die Pille auch Aids-Patienten verabreicht, die noch symptomlos waren. 'Ich hatte den Eindruck, es ist vielen besser gegangen', sagt er. 'Eine Heilung ist aber auch mit Padma 28 nicht möglich.' Diagnosen kosten in Dharamsala nichts, Pillen ein paar Rupien. Wer es nicht in eine der 40 tibetischen Exil-Kliniken schafft, kann auch per Fax von seinen Wehwehchen berichten. Die Pillen kommen dann per Luftpost. Die Astrologen seiner Heiligkeit haben ebenfalls gut zu tun: Sie berechnen auf Computern tibetische Horoskope für 30 Dollar. Wer jetzt bestellt, muß mindestens acht Monate warten. Schneller geht es mit einem Würfel: Ein alter tibetischer Mönch klappert Hotelzimmer ab und schaut nach einer kurzen spirituellen Einführung in die Zukunft. So weiß er sofort, was im Hamburger Bauer-Verlag los ist: Petra, 29, die dort in der Verlagsleitung arbeitet, bekommt den Tip, schnell ihren Job zu wechseln. Ob das mit den Würfeln jetzt alles so richtig ist, weiß der Dalai Lama auch nicht. 'Am besten und sichersten ist es, wenn jeder seine religiöse Tradition behält.' Denn sonst, fürchtet er, 'gibt es mentale Probleme'. Er begreife - bei aller Mühe - die Christen schließlich auch nicht ganz.

Von Holger Witzel