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Von Beruf Provokateur Rainald Goetz veröffentlicht neuen Roman


Fast 30 Jahre nach seinem Debüt hat der deutsche Berufsprovokateur Rainald Goetz einen neuen Roman herausgebracht. Für die Shortlist zum Deutschen Buchpreis reichte es allerdings nicht.

Selten ist über ein Buch so viel geraunt und gerätselt worden. Fast 30 Jahre nach seinem genialen Debüt "Irre" hat Rainald Goetz jetzt den lange erwarteten Gegenwartsroman vorgelegt. In "Johann Holtrop" seziert der deutsche Berufsprovokateur nicht nur gnadenlos die kapitalistische Wirtschaftswelt der Nullerjahre, er macht daraus eine Studie über Macht und Gier schlechthin.

Doch Goetz geht mit einem derart abgrundtiefen Zynismus an sein Metier, dass ihm die Zwischentöne, die Mit-Gefühle abhanden kommen. "Wütend schritt ich voran", hat er als Motto über sein Buch gestellt. Und sich erbarmungslos daran gehalten.

Hauptfigur ist Johann Holtrop, 48, der Vorstandsvorsitzende der Assperg Medien AG, Herr über 80.000 Mitarbeiter weltweit und eine Bilanzsumme von 15 Milliarden Euro. Menschenfänger und Marketinggenie, Schaumschläger und Visionär, hat er einen kometenhaften Aufstieg hinter sich und führt das Unternehmen zu immer neuen Rekorden.

Mathias Döpfner und Leo Kirch mit Decknamen

Wer ihm im Weg steht, wird beiseite geräumt. "Einer weniger", sagt er, als der von ihm entlassene Leiter der Ost-Dependance ("zu alt, mental erschöpft") sich stümperhaft erhängt. Am Schluss, nach der Wirtschaftskrise und einem beispiellosen Absturz, wird auch Holtrop sich umbringen - versehentlich allerdings.

Immer wieder drängen sich Parallelen zwischen Holtrop und dem - allerdings noch quicklebendigen - einstigen Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff auf. Und auch sonst müht Goetz sich redlich, die lebenden Vorbilder seines Personals möglichst wenig zu kaschieren. Unter Decknamen spielen etwa auch Springer-Chef Mathias Döpfner und der inzwischen verstorbene Medientycoon Leo Kirch wichtige Rollen.

"Natürlich basiert dieser Roman auf der Realität des Lebens auch wirklicher Menschen", schreibt Goetz im Kleingedruckten. "Aber es ist ein Roman, Fiktion, fiktiv in jeder Figur, alles hier Erzählte auch: Werk der Literatur." Und so sollte man dieses Buch wirklich nicht als Schlüsselroman lesen, weil es um etwas ganz anderes geht. Goetz will die Mechanismen des Kapitalismus entlarven, die "totale Herrschaft" des Kapitals über den Menschen.

Kein Shortlist-Eintrag für Goetz

Anfangs zieht einen das 343 Seiten starke Buch mit dem doppeldeutigen Untertitel "Abriss der Gesellschaft" auch wirklich wie ein Wirtschaftsthriller in den wahnwitzigen Strudel immer neuer Machtkämpfe. Doch der Erzähler macht uns die Deformation seiner Figuren durch dieses System nicht deutlich, er stellt sie von vornherein und unisono als gierige Hyänen dar: Jeder hält jeden für einen Deppen, und wer das nicht weiß, ist der "absolute Superdepp".

Und doch hat der Roman auch viele wunderbare Momente: Wie der Autor die wortlose Sprache der Macht beschreibt, das Ritual des Hahnenkampfs, die Gesten von Unterwerfung und Demütigung - das ist schlichtweg genial. Das Buch ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Auf der sogenannten Shortlist, die am Mittwoch veröffentlicht wurde, ging Goetz allerdings leer aus.

Nada Weigelt, DPA DPA

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