VG-Wort Pixel

Hamburger Schauspielhaus Uraufführung "Reich des Todes" von Rainald Goetz: Vier Stunden Dunkelheit

Reich des Todes
Szene aus "Reich des Todes" im Hamburger Schauspielhaus
© Arno Declair/Schauspielhaus
Am Abend des 11. September zeigte das Schauspielhaus in Hamburg ein Stück über den 11. September 2001 und seine grausigen Folgen. "Reich des Todes" gleicht einem Abstieg in die Hölle.

Alljährlich, am 11. September gegen 16 Uhr, durchfährt viele Menschen ein Zucken; manche blicken dann hinauf in den Himmel. Ist da was? Am 11.9.2001 passierte das Urereignis des 21. Jahrhunderts, von den allermeisten erlebt vor dem Fernseher, und trotzdem fühlt es sich manchmal so nah an, als seien die Flugzeuge der American und United Airlines in der Nachbarschaft eingeschlagen.

Am 11. September 2020 eine Uraufführung anzusetzen, welche die Geschehnisse und vor allem die Folgen der Geschehnisse von damals auf die Bühne bringt, lässt sich also entweder als Provokation verstehen – oder als weiteren Baustein einer Traumatherapie. Das Hamburger Schauspielhaus, größte Sprechbühne des Landes, hat es gewagt. Das Stück, vier Stunden und 15 Minuten lang, eine Pause, heißt "Reich des Todes", geschrieben von Rainald Goetz, einem der wichtigsten deutschen Autoren der vergangenen 40 Jahre – oder besser: der Jahre 1983 bis 2012. Denn seit seinem letzten Roman "Johann Holtrop", seinem erfolgreichsten, war von Goetz nichts mehr zu lesen.

11. September, Goetz-Comeback, große Bühne, Regie: Karin Beier – so lädt man einen Theaterabend mit maximaler Bedeutung auf. Und dann kam Corona: zerrupfte Reihen im Saal, herrliche Beinfreiheit, sogar die Getränke durfte man mit den an Platz nehmen. In Reihe 3 (ungefähr) ganz links saß Goetz, Bomberjacke, Silberschopf, und sein Kopf bewegte sich zum Bühnengeschehen; manchmal schien es, als spräche er einzelne Zeilen mit, wie der Souffleur seines eigenen Stücks. Bedeutung sollte der Abend bekommen. Aber Wucht entfaltet sich nur schwerlich bei einer erlaubten Auslastung von 30 Prozent.

Hinab also in das Reich des Todes: Der Anschlag selbst ist schnell abgehakt, ein Knall, eine Wolke, deren Staub den Darstellern noch lange aus den Haaren rieselt. Dazu der Satz, es handele sich bei dem Terrorakt um den "Triumph einer vom Glauben an Gott erfüllten Idee der Kritik am Weltmodell des Westens". Präzise und eiskalt formuliert, gänzlich ironiefrei. Wir sind ja nicht bei Böhmermann.

Die Figur Schill ist dem Hamburger Publikum gut bekannt

Goetz interessiert sich vielmehr für das, was umgehend folgt: Der Angriff auf den Staat wird zum Anlass für einen Staatsstreich von innen. Die Machthaber klopfen sich den Staub der zertrümmerten Zwillingstürme ab und bauen den Staat um. "Politik braucht Lüge", sagt der Geheimdienstdirektor (Lars Rudolph). Und so beraten die Juristen, was zu tun sei. Das Stück springt kurz zurück in die 20er Jahre, nach Deutschland, zu dem schrecklichen Rechtsgelehrten Carl Schmitt, der die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten intellektuell vorbereitete: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet." Unter die Rechtsverdreher mischt sich die Figur Schill, Justizrat, dem Hamburger Publikum gut bekannt als einer der politischen Gewinner des 11. September: Er wurde in der kurz danach stattfindenden Bürgerschaftswahl hochgespült zum Senator. Immer wieder stolpert dieser Schill (Daniel Hoevels) durch die Szenerie. Ein paar Zuschauer in den dezimierten Reihen dürften 2001 für ihn gestimmt haben. Schöne Grüße!

Das Bestrafungssystem, das sich die finsteren Herren ausdenken, mündet alsbald in Abu Ghraib, dem Foltercamp, das die US-Truppen im Irak aufbauten, und hier sind wir nun im Reich des Teufels, in einem Pferch, wie vom Renaissance-Maler Bruegel erdacht. Enthemmte Gewalt ist der Alltag: Waterboarding, Berge von nackten Männern, die winseln wie Hunde. Die Regie zeigt auf einer großen Leinwand die Bilder: den Maskenmann, dessen Hände und Penis mit Stromkabeln verbunden sind, verkotete Körper, maximale Erniedrigung.

Diese Gewalt ist die direkte Folge der Rechtsverdrehung der hohen Herren, exekutiert auch von Frauen wie der Wachsoldatin Cindy (Eva Bühnen). Regierungskriminalität im Namen der Freiheit, die hier angeblich verteidigt wird. Und der Präsident, also George W. Bush, der heute Abend den Namen Grotten (Wolfgang Pregler) trägt? Der zieht sich eine Alltagsmaske über die Augen. Die Binde schützt seine Augen vor dem Anblick der bluttriefenden Wirklichkeit der Folterwelt. Er sagt: "Befragen zum Schutz des Staates" – das müsse ja wohl noch möglich sein. Auch ein Gefolterter kommt zu Wort, sein Name Atta (Tilman Strauß), noch so ein Hamburger. Er, Insasse der Todeszelle, macht sich Gedanken über seine Peiniger. Sein Monolog gehört zu den Höhepunkten des Stückes. Er beschreibt, wie die Nachtschicht zum Dienst erscheint. Erst nehmen sie den Gefangenen die Kleider weg, werfen ihnen Frauenunterwäsche zu: "Sie werden von unserer Angst auf eine diabolische Art erheitert." Wenn sich ein Gefangener vor Angst einnässt, empfinden sie das als "Bestätigung der eigenen Herrlichkeit". Die Gewalt sei für die Soldaten das "Allerwitzigste". Und so geht es weiter und weiter bis zum Unvorstellbaren.

Auf der Bühne: eine Orgie des Abscheulichen

Durch das Gemetzel kurvt der Vizepräsident Selch (Sebastian Blomberg als schlanke Version von Dick Cheney, dem Darth Vader im Weißen Haus) auf einem Hoverboard. Was sagt eigentlich das Gesundheitsamt zu diesem Umherfliegen menschlicher Ausscheidungen? Aber: Die Schauspieler halten tatsächlich Abstand. Sie haben eine Choreografie der Distanz geschaffen. Dazu läuft die Musik der Bloodhound Gang, auch sehr schrecklich.

Der Text: überbordend, immer wieder schälen sich scharfe, klare Goetz-Sätze heraus. Die Inszenierung: ein Konfetti-Regen von Regie-Einfällen, doch Karin Beier schafft es, dass die Bilder nie stärker werden als der Text. Sie dienen ihm so lange, bis seine Last auch das Ensemble erdrückt: Das Finale besteht aus einem sehr langen Chor-Sprechen, einer Deklamation mit Solo-Stimmen (am verständlichsten: Burghart Klaußner als Kriegsminister Roon). Es entsteht ein überkomplexes Gedankengebilde über das Böse und die Macht. Der Effekt: verpufft. Zu lang, zu suppig. Da möchte man als Zuschauer ein wenig aufräumen.

"Reich des Todes" zeigt, wie sich ein katastrophisches Ereignis, der 11.9., in das damals junge neue Jahrhundert frisst, das unter dem Druck des Terrors durch al-Qaida moralisch zurückfällt in die Zeit, als die Nationalsozialisten und ihre Freunde die Unmenschlichkeit zur neuen Normalität machten. Es wird auch deutlich, wie der sogenannte Krieg gegen den Terror in unsere Alltagskultur sickerte: Jack Bauer steigerte in "24" von Staffel zu Staffel seine Bereitschaft zur Grausamkeit. Seine Botschaft: Folter bringt was!

Im Camp Justice 2020, wie es im Stück heißt, soll den Verantwortlichen schließlich der Prozess gemacht werden. Können Politiker zur Rechenschaft gezogen werden – oder zumindest zur Aussage gezwungen werden? Die Justiz kann den Rechtszerstörern nichts anhaben. Das Theater dagegen kann seinen Figuren den Prozess machen. Leider folgenlos.

Am Ende, kurz vor Mitternacht: befreiter Applaus, länger anhaltend.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker