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Winfried Bornemann: Post vom Spinner

Herr Bornemann schreibt Quatschbriefe an Behörden, Unternehmen und Würdenträger - und erhält oft ernst gemeinte Antworten. Die absurdesten Korrespondenzen aus 25 Jahren sind nun als Buch erschienen.

Von Alexander Kühn

Sprach der Chirurg zu seiner Gattin: "Schau doch mal nach, was das für'n Spinner ist." Die Gattin überflog den Brief und sagte: "Muss ich doch gar nicht, ist bestimmt ein Lehrer mit ein paar Stündchen, vielleicht Handarbeiten und Soziologie, langhaarig, Nickelbrille, Nikotinkrücke."

Trotzdem flugs gegoogelt - Vorurteile weitgehend bestätigt: Winfried Bornemann, 62, Lehrer aus Osnabrück, voller Bart, Brille, Pfeife. Und der Chirurg schickte einige abfällige Zeilen, unter anderem den Dialog zwischen ihm und seiner Gattin beinhaltend, als Erwiderung an diesen Bornemann, der sich in seinem Brief als Hobby-Chirurg ausgab, angeblich ein Operationsbesteck für Camping und Freizeit auf den Markt gebracht hatte und nun freundlich anfragte, ob der Herr Doktor ihm mal eben für zwei Stunden seinen OP überlassen könnte - zwecks einer Nasenoperation im Freundeskreis.

Ein Vierteljahrhundert Quatsch

Dass ihre Zeilen in einem Buch verewigt würden, war dem Chirurgen und seiner Frau nicht bewusst. Bis jetzt "Bornemanns neue Briefmacken" erschienen, herausgegeben von eben jenem Winfried Bornemann - Verfasser von Quatsch- und Verarschbriefen seit einem Vierteljahrhundert, unter ausgedachtem Namen oder unter seinem eigenen, mit Vorliebe gerichtet an Behörden, Unternehmen, Amt- und Würdenträger. Bestsellerautor, wobei er selbst nur die Hälfte jedes Buchs bestreitet, nämlich seine Briefe; die andere Hälfte sind die Antwortschreiben. Und weil sich in 25 Jahren so einiges ansammelte, hat Bornemann gleich noch ein Buch herausgebracht: "Best of Bornemanns Briefmacken".

Bornemann in natura ist ein freundlicher älterer Herr, der mit einer Sammlung von 200 Keramik-Weihnachtsmännern, mit Cartoons an den Wänden und Humorbüchern in den Regalen gemeinsam mit seiner Frau ein Häuschen mit Garten in Osnabrück bewohnt, etwas unsicher Auto fährt und bei Radtouren gern im Waldcafé einkehrt. "Viele denken, ich wollte die Bürokratie bloßstellen. Oder subversiv sein oder den Menschen den Spiegel vorhalten", sagt er. "Dabei will ich eigentlich nur unterhalten."

Die Gedanken kommen beim Wein

Stolz zeigt er einem die Wiese mit den Apfelbäumen, die er mit seinen Hauptschülern bewirtschaftet, von der Ernte bis zum Saftverkauf. Dass er Lehrer ist, mag er aber nicht so breittreten, damit es - siehe Chirurgengattin - nicht wieder heißt: jaja, die Lehrer, nix zu tun und dann noch auf dumme Gedanken kommen. Die kommen schließlich abends, beim Wein. Wie der Einfall, beim Bürgermeister von Gnoien, Mecklenburg-Vorpommern, anzufragen, ob Bornemann während seines Urlaubs in dem Städtchen nicht ein bisschen Linksfahren üben könnte, da er im kommenden Jahr beruflich sechs Monate in England zu tun haben werde. Das sei schon machbar, antwortete der Bürgermeister interessiert. Die großen Rapsfelder seien nach der Ernte "so was von geeignet, ganze Straßenzüge, Kreuzungen u.ä. abzustecken".

Da "können wir vielleicht ein bisschen Werbung für unser schönes Heimatstädtchen und seine Bewohner machen". Die Kosten freilich müsse Bornemann tragen. Abschlägig beschieden wurden dagegen: die Bitte an den bayerischen Staatsminister Erwin Huber um ein Grußwort für das Jahrestreffen des Vereins Macho Germany; der Vorschlag an den FDP-Politiker Dirk Niebel, alle Arbeitslosen per Gesetz zu Beamten zu erklären, weil diese ja nicht arbeitslos werden können und so - logisch! - das Problem der Arbeitslosigkeit gelöst sei; die Anregung einer 82 Jahre alten Dame, der Radiosender NDR 2 möge doch mehr von Eminem, P. Diddy und Fifty Cent spielen.

Viele wittern Unernst

Der Briefmacker hat es heute schwerer als in seiner Anfangszeit, weswegen manche Korrespondenz etwas bemüht wirkt. Damals, in den 80er Jahren, waren die Deutschen weitgehend leichtgläubig. Jetzt, im Zeitalter der allgegenwärtigen Spaßtelefone im Radio und der grenzenlosen Schadenfreude im Fernsehen, wittern viele den Unernst des Schreibers - und bemühen sich selbst um eine möglichst pointenreiche Antwort. Oder gehen im Internet auf Exkursion und stoßen so auf Bornemann: Haha, entlarvt!

Lustig wird's immer dann, wenn auch die dämlichsten Anfragen mit heiligem bürokratischem Ernst beantwortet werden. Was noch oft genug vorkommt - selbst wenn der Absender "Bund der Perspektivlosen" lautet oder "Gyselda von Große-Tytten", was, zugegeben, ein arg altbackenes Namensspielchen ist. Jene Dame fragte etwa beim Papst an: Ob sich denn der Heilige Vater schon mal Gedanken darüber gemacht habe, ob er - wenn er beispielsweise in Saudi-Arabien geboren worden wäre, er heute ein führender Muezzin wäre? Als Antwort aus dem Vatikan erging schriftlich der Apostolische Segen.

Es begann mit einem Pfennig

Angefangen hatte alles 1979, als Bornemann aus Jux einen Pfennig an die Deutsche Münzanstalt in Karlsruhe schickte - mit der Bitte, nachzuprüfen, ob der denn echt sei. Ernst und Akribie der Antwort verblüfften Bornemann: Ja, der sei echt, Jahrgang 1978, mit einem Gewicht von 19,9992 Gramm, 16,55 Millimetern Durchmesser und 1,37 Millimeter dick.

Vor dem ersten Buch fragte Bornemann damals höflich bei den Gefoppten an, ob er die gemeinsame Korrespondenz auch abdrucken dürfe. Das Resultat war ein Bestseller mit schwarzen Balken. Heute druckt er ungefragt.

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