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"Pornografie und Holocaust"- Filmdokumentation Pornos aus dem KZ


In den 60er Jahren tauchen in Israel Pornos auf, in denen drastisch sadomasochistische Beziehungen zwischen KZ-Aufseherinnen und Gefangenen beschrieben werden. Eine Dokumentation widmet sich nun diesem Phänomen.

Zunächst ist man als Zuschauer nur schockiert: Ausgerechnet in Israel sind in den 1960er Jahren pornografische Bücher und Hefte erschienen, deren Handlung in deutschen Konzentrationslagern angesiedelt ist. Wieso? Was waren die Motive dafür - 15 Jahre nach dem größten Massenmord in der Menschheitsgeschichte? Diesen Fragen geht der 1972 geborene Journalist und Filmkünstler Ari Libsker in seiner Dokumentation "Pornografie und Holocaust" auf sachliche Weise nach.

Im nationalsozialistischen Sprachgebrauch wurden Stammlager oft auch "Stalag" genannt. "Stalags" heißt daher nicht nur der Film im Original, auch die Heftchen hießen so. Die "Stalags"-Hefte waren in Israel eine der ersten öffentlichen Auseinandersetzungen mit dem unfassbaren Grauen des Holocaust. In den fiktiven Geschichten der Hefte sind die KZ-Aufseher Frauen, die Gefangene, meist alliierte Soldaten, foltern und sexuell missbrauchen.

Erotisieren des historischen Traumas

Ari Libsker hat dazu Leser, Wissenschaftler und Heftautoren befragt. Dabei geht es insbesondere auch um den Zeitpunkt, zu dem die Hefte erschienen: zur Zeit des Prozesses gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahr 1961. Eichmann war als Referatsleiter im Reichssicherheitshauptamt und damit einer der Architekten des Holocausts.

Dieser Prozess klärte die Bevölkerung Israels erstmals über das Ausmaß des Nazi-Terrors auf - der industriellen Ermordung von sechs Millionen Juden. Zudem hörte die israelische Öffentlichkeit durch die landesweiten Rundfunkübertragungen von Zeugenaussagen auch erstmals ausführlicher mehrere Überlebende der Nazi-Mordmaschinerie. Die "Stalags"-Hefte, so legt die Dokumentation dar, erotisierten das öffentliche historische Trauma, um es überhaupt erst einmal betrachten zu können.

Sexualisierung soll helfen, erlebtes Grauen zu fassen

Der Film lässt außerdem vermuten, dass die Autoren der Hefte mit ihrem - von Außen betrachtet - bizarren Versuch, so die Historie annehmen zu können, für einen Teil der damaligen israelischen Gesellschaft stehen: Fast alle Autoren waren Kinder von Holocaust-Überlebenden und hatten selbst Schreckliches erfahren. In der Dokumentation wird schlüssig erklärt, dass die Sexualisierung einer grauenvollen Erfahrung in der Fantasie helfen kann, erlebtes Grauen zu fassen und dadurch überhaupt damit weiterleben zu können.

Wohltuend an der Dokumentation ist der unspektakuläre Ton, den Ari Libsker gewählt hat. Seine Sicht auf die heutzutage, zumal außerhalb Israels, schwer zu begreifende Verbindung von Furchtbarem, Sexualität und Populärkultur ist absolut integer und selbst nie pornografisch oder schmutzig.

Weitere Erklärungen wären hilfreich gewesen

Schwierig ist jedoch, dass die Dokumentation Wissen zur Geschichte des Faschismus in Deutschland, zur Person Eichmanns und zur Kultur Israels voraussetzt. Wo israelische Zuschauer sicherlich oft sofort Assoziationen haben, bleiben nicht-israelische Zuschauer vermutlich meist ratlos. Trotz der Gefahr, eventuell belehrend zu erscheinen, wären Erklärungen für ein internationales Publikum sicher hilfreich gewesen.

Der Film startet am Donnerstag, den 30. Dezember. Mehr dazu hier

Peter Claus/DPA DPA

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