HOME

"Sommer '04": Segelurlaub mit Herbststimmung

Wenn man von einem Film als Psychogramm spricht, dann klingt das nach verkopftem Kino. "Sommer '04" gelingt es, das Zerbrechen einer Familie darzustellen - abseits von Pathos und ausgetretenen Pfaden.

Von Arno Schumacher

Es sollte ein harmloser Sommerurlaub an der schleswig-holsteinischen Küste werden: Die 40-jährige Literaturprofessorin Miriam und ihr Lebensgefährte André verbringen ihre Ferien gemeinsam mit ihrem 15-jähriger Sohn Nils und dessen Freundin Livia an der Schlei. Livia ist erst zwölf - aber für ihr Alter erstaunlich weit und deutlich reifer als ihr Freund. Ihr offenes und intelligentes Wesen zieht schon bald die Aufmerksamkeit des 38-jährigen Bill auf sich, der sie eines Tages vom Segeln nach Hause bringt.

Miriam fühlt sich für die minderjährige Freundin ihres Freundes verantwortlich. Als Livia am nächsten Abend nicht nach Hause kommt, fährt sie kurzerhand zum Haus des attraktiven Amerikaners, um ihn zur Rede zu stellen. Schnell funkt es zwischen den beiden, und sie beginnen eine Affäre. Als sie während eines Segelausflugs das klärende Gespräch mit Livia sucht, wird diese von einem umschwingenden Mastbaum am Kopf getroffen und schwer verletzt.

Spannung ohne Klischees

Fern jeder Effekthascherei verlässt sich Regisseur Krohmer vollkommen auf seine Schauspieler und trifft damit genau die richtige Entscheidung: "Sommer '04" entwickelt eine überzeugende Dramatik, die fast ausschließlich zwischen den Personen entsteht und sich dort auch entlädt - und der man sich als Zuschauer zu keinem Zeitpunkt entziehen kann. Bewusst lässt Krohmer zahlreiche Details offen, besonders was die Beziehungen innerhalb der Familie angeht. Dadurch vermeidet er Klischees. Zudem erzeugt er eine unerwartete Spannung und Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Geschichte und macht deutlich, wie zerbrechlich dieses Familiengefüge ist.

In eben dieser Zerbrechlichkeit findet sich auch die Kernaussage des Films: Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen sind empfindliche Gebilde, deren Regeln und Tücken sich auch den lebenserfahrenen Erwachsenen entziehen. Am Ende stellt sich heraus: Die zwölfjährige Livia hat die Möglichkeit, das Glück der Anderen ohne Mühe zu erkennen; für sie selbst bleibt es jedoch unerreichbar. In dieser Rolle stellt sie fast eine Schnittmenge aus Nabokovs Lolita und der Albertine aus Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" dar. Diesen Bezug sucht der Film mehr oder weniger deutlich, wenn über Schnitzler geredet wird, während Miriam Seminararbeiten ihrer Erstsemester zu dem Thema korrigiert.

Martina Gedeck ragt heraus

Der Film stellt sich damit in einen bewusst gewählten Kontext, der sich auch in den akademischen Berufen von Miriam und André widerspiegelt. Und obwohl im Nachhinein klar wird, wie analytisch Regisseur und Drehbuchautor dabei vorgehen, geht dieser niemals auf Distanz zum Zuschauer. Die wie immer großartige Martina Gedeck in der Rolle der Miriam und Jungschauspielerin Svea Lohde als Livia ragen aus dem großartigen Ensemble heraus. Bemerkenswert ist, dass der Film niemals die Grenze zum Pathos oder Kitsch überschreitet. Obwohl sich in der Geschichte genug Gelegenheiten böten, meidet der Film alle Fallstricke und macht zu jedem Zeitpunkt deutlich, dass hier großes Kino und nicht Fernsehen gemacht wird.

Themen in diesem Artikel