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"Unter dir die Stadt" im Kino: Blutleere Banker lost in Frankfurt

Die sterile Frankfurter Bankenwelt als Kulisse für eine Liebesgeschichte zweier Menschen, die vergessen haben, wie man Gefühle lebt. Christoph Hochhäuslers perfekt konstruierter Film "Unter dir die Stadt" ist seltsam blutleer und dabei überaus verstörend. Den Zuschauer lässt er etwas ratlos zurück.

Kinotrailer: "Unter dir die Stadt"

Wer Frankfurt kennt oder auch nur mit dem Zug durchgefahren ist, kennt diese anonymen, kalten Bankenhochhäuser, die das Image der Stadt prägen. Irgendwie blutleer, unmenschlich wirkt sie dort - und die Menschen, die sich in und zwischen den Türmen bewegen. Der deutsche Regisseur Christoph Hochhäusler ("Falscher Bekenner") hat die Stadt als Schauplatz für sein gestyltes und durchaus beklemmendes Beziehungsdrama "Unter dir die Stadt" gewählt, in dem man nie so recht weiß, ob die Gebäude oder die Menschen mehr Unnahbarkeit versprühen.

Roland Cordes (großartig gespielt von Robert Hunger-Bühler) ist einer der ganz Großen in der Finanzwelt und gerade zum "Banker des Jahres" erkoren worden. Svenja (immer ein wenig verhuscht und undurchschaubar: Nicolette Krebitz) lebt zusammen mit ihrem Mann Oliver erst seit Kurzem in Frankfurt, weil er in die Mainmetropole versetzt wurde. Cordes ist sein oberster Chef, der später noch seine Macht nutzt, um den störenden Oliver nach Singapur zu versetzen. Zufällig lernen sich Svenja, die gelangweilt und frustriert ihren Tag als Ehefrau fristet, und der wesentlich ältere Cordes kennen. Und plötzlich ist sie da, eine unerklärliche und erotische aufgeheizte Anziehung.

Nach dem ersten schüchternen Treffen, bei dem die beiden unbeholfen wie Teenager sind, entwickelt sich eine leidenschaftliche und zugleich zerstörerische Beziehung. Irgendwann sprechen sie gar von Liebe, doch irgendwie bleiben die beiden Figuren seltsam unbeteiligt. "Svenja und Roland sind blasierte reiche Menschen, die alles haben, eine feste Rolle angenommen haben und sich so verhalten, wie es die Gesellschaft und sie selbst es von sich erwarten", sagte Hochhäusler in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa im vergangenen Mai in Cannes, wo "Unter dir die Stadt" bei den Filmfestspielen in der Nebenreihe "Un certain regard" Premiere feierte. Diese beiden Menschen lebten ihre Gefühle nicht mehr.

Und so spiegelt die Kühle der Kulisse, die innere Kälte und Leere der Menschen wieder - oder wie Nicolette Krebitz im Interview so schön sagte: "Die kalte Bankenwelt steht im krassen Gegensatz zu den schwitzenden Körper der beiden Liebenden." Zu der sphärischen Musik Benedikt Schiefers und in den sterilen und sehr stillen Bildern von Kameramann Bernhard Keller wandeln die Figuren mit traumwandlerischer Sicherheit. Ihre Motivation und oftmals auch die Logik der Geschichte erschießt sich dabei nicht immer.

Aber vielleicht ist es gerade das, was den Film so verstörend macht. Dass das Setting in der skrupellosen Bankenwelt liegt, trägt zu der Beklemmung nur noch hinzu. Auch wenn die Aktualität zufällig war, wie Hochhäusler sagt. Das Drehbuch habe er lange vor der Bankenkrise zusammen mit Ulrich Peltzer geschrieben. Nach "Milchwald" und "Falscher Bekenner" präsentiert der 38 Jahre alte Regisseur damit einen Film ganz in der Tradition der Berliner Schule: Die Story nicht immer ganz stimmig, dafür perfekt inszeniert und bedrückend.

Britta Schmeis, DPA / DPA