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"Vanity Fair": Jahrmarkt der Eitelkeiten

Die junge Becky steigt mit Charme und Sexappeal von den Armutsvierteln in die feinsten Kreise der Gesellschaft auf. Als sie ihr Ziel erreicht, erkennt sie zu spät, was wirklich wichtig ist.

Becky Sharps Kindheit endet, als ihr Vater, ein erfolgloser Porträtmaler, stirbt. Aus dem schäbigen Atelier wechselt sie in ein strenges Internat. Während die anderen Mädchen auf das Leben in der höheren Gesellschaft vorbereitet werden, muss Becky (Reese Witherspoon) auf den Knien rutschend den Boden polieren. Sie schließt Freundschaft mit Amelia (Romola Garei), Tochter aus gutem Hause und begleitet sie nach London. Trotz der Bösartigkeit der Mutter und des Verlobten Amelias erlebt Becky dort eine wunderbare Zeit, mit aufbrausenden Festen. Die bunten Feiern sind ein farbenfroher Kontrast zum tristen Grau der britischen Hauptstadt. Regisseurin Mira Nair hat mit der Verfilmung des gleichnamigen Romanklassikers von William Makepeace Thackeray einen amüsanten Kostümfilm geschaffen, dem es nicht an Spannung, Humor und Tiefgang mangelt. Die indische Filmemacherin, die mit "Monsoon Wedding" Erfolg bei Kritikern und Publikum hatte, bringt erneut rauschende Lebensfreunde auf die Leinwand, die aber immer wieder durch Neid, Missgunst und Eitelkeiten gestört wird. Sehenswert sind die Bälle mit viel Samt und noch mehr Seide und eine exotische Dschungelnacht, die Bollywood in das England des frühen 19. Jahrhunderts bringt.

Von der Gouvernante zur Ehefrau

Als sie von der Hauptstadt auf einen abgelegenen Landsitz zieht und dort als Gouvernante arbeitet, ist die Zeit des Feierns für Becky erst mal zu Ende. Ihre Arbeitgeber haben zwar den Adelstitel, das ist aber fast ihr ganzer Besitz. Ein Lichtblick ist der Sohn Rawdon (James Purefoy), der ganze Stolz der Familie und besonders der reichen Tante Miss Matilda Crawley (Eileen Atkins). Sie findet Gefallen an Becky und nimmt sie als Gesellschafterin mit nach London. Doch als herauskommt, dass Becky und ihr Neffe heiraten wollen, fliegt sie hochkant raus und Rawdon muss sich zwischen seiner Familie und Becky entscheiden.

Er wählt das Leben mit Becky und wird deswegen von der Familie verstoßen. Obwohl sie nicht immer satt werden und der Kredithai regelmäßig auf der Türschwelle steht, ist sie dem Spieler und Glücksritter Rawdon glücklich. Sie heiraten und Rawdon macht Karriere in der Armee. Becky begleitet ihn sogar in den Krieg gegen Napoleon. "Krieg ist für Männer, wie der Pflug für den Acker", sagte sie amüsiert und stürzt sich ins Vergnügen. Denn während die feindlichen Truppen näher rücken, amüsieren sich die Briten mit einem rauschenden Ball. Dort ist Becky der Star, zurück in London will aber niemand aus der feinen Gesellschaft mehr etwas von ihr wissen.

Aufstieg in die feine Gesellschaft

Doch dann beginnt der Marquess of Steyne (Gabriel Byrne), früher Mäzen ihres Vaters, sich für die junge Frau zu interessieren. "Ihr Vater war ein sehr talentierter Maler, ohne Talent für das Leben“, sagt der Adelige zu Becky, die nie ihre Schlagfertigkeit verliert. "Ich versuche das auszugleichen", sagt sie und verzaubert ihn mit ihrem einmalig koketten Lächeln. Der Marquess rettet sie vor Geldeintreibern und ebnet ihr den Weg in die feine Gesellschaft. In seinem Haus tanzt sie sogar vor dem König. Aber der glatte Adelige hilft ihr nicht aus Nächstenliebe, er fordert eine Gegenleistung von Becky, die mehr als ihre Ehe in Gefahr bringt. Sie hat sich verspielt, der Einsatz war zu hoch. Als Becky das entdeckt, ist fast alles zu spät.

Vanity Fair schaut hinter die Kulissen der feinen Gesellschaft und beschreibt den Generationskonflikt zwischen den Jungen, die immer wieder an die moralischen Grenzen und Gebote der Sitte und des Anstands ihrer Eltern stoßen. Becky bricht diese Regeln nicht plump, sondern versucht sie charmant zu umschiffen. Ihre Eleganz und Lebensmut machen Vanity Fair zu dem, was der Film ist: ein farbenfroher Jahrmarkt der Eitelkeiten. Reese Witherspoon beweist nach dem Teenieklamauk "Natürlich Blond", dass sie auch in einer anspruchvolleren Rolle überzeugen kann.

Hauke Friederichs