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»WIR WAREN HELDEN«: Stolzer sterben

Mit dem Vietnam-Spektakel »Wir waren Helden« eröffnet Mel Gibson die Kriegsfilm-Saison.

Die Übelkeit steigt hoch, wegschauen möchte man, aber es ist zu spät. Für immer hat sich das Bild eingebrannt von dem US-Soldaten, der seinen Kameraden an den Beinen aus den Flammen zieht, doch sein Griff löst nur das Fleisch, und der blanke Knochen gleitet ihm aus den Händen. Man hört die Schreie der Verwundeten, das Blut spritzt bis auf die Kameralinse. Wir befinden uns mitten in einem Gemetzel, das es so seit Steven Spielbergs »Der Soldat James Ryan« im Kino nicht mehr gegeben hat. Und »Wir waren Helden« von Randall Wallace ist nur der erste in einer Reihe von Kriegsfilmen, die jetzt historische Massaker in Nahaufnahme auf die Leinwand bringen.

In »Windtalkers« von Action-Meister John Woo hagelt es zerfetzte Körperteile und einen Kopf. In Ridley Scotts »Black Hawk Down« blickt man direkt in zuckende Eingeweide. Der Horror des Krieges soll spürbar werden, auch wenn das die Grenzen des Zumutbaren sprengt. Es geht um die Menschen im Gefecht, um die Suche nach Werten inmitten von Wahnsinn - und das, obwohl alle drei Filme wenig ruhmreiche Einsätze der Amerikaner schildern: in »Windtalkers« ein Rückzugsgefecht im Kampf gegen die Japaner 1942, in »Black Hawk Down« die gescheiterte Somalia-Operation 1993 und in »Wir waren Helden« die erste große Schlacht gegen die Nordvietnamesen 1965.

Randalls Film ist die Geschichte von Helden auf verlorenem Posten, erzählt nach dem Tatsachenroman des US-Generals Hal Moore, der sich damals mit 400 Mann gegen 2000 Gegner behauptete. Mel Gibson spielt Moore, gibt in klassischer John-Wayne-Manier den umsichtigen Anführer, den gläubigen Familienvater und aufrechten Soldaten. Nie stellt er die Mission infrage, obwohl er weiß, dass viele seiner Männer nicht zu ihren Familien zurückkehren werden. Es gilt: zusammenhalten und niemanden im Stich lassen. »Wir waren Helden« ist an Pathos und Patriotismus kaum zu überbieten, aber es wirkt geradezu grotesk, wenn ein Soldat auf dem Schlachtfeld sagt: »Ich bin stolz, für mein Land zu sterben«, während um ihn herum die Hölle losbricht.

Am Ende wird Moore neben den aufgetürmten Leichen vietnamesischer Soldaten von Reportern zu seinem Sieg befragt. Er findet keine Worte, denn er hat verstanden: Überleben heißt nicht gleich gewinnen. Moore wird an dieser Einsicht nicht zerbrechen. Er wird nach Hause fahren, mit einigen Kratzern, wie sie auch die US-Flagge davonträgt, Frau und fünf Kinder in die Arme schließen. Und ein neues, sein altes Leben beginnen.

Der Krieg ist aus und vorbei, und er wurde verloren, so lautet die Botschaft. Dass der Film dies »ohne Bitterkeit« erkennt und sich vom Trauma Vietnam befreit, könnte bedeuten, schreibt die »New York Times«, »dass die Wunden zumindest teilweise geheilt sind«.

Es könnte aber auch bedeuten, dass der Film den Krieg in all seiner Brutalität nicht verstanden hat.

Bianca Lang