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Chloë Sevigny: Ein bisschen krass muss sein

Sie ist jung, schön und glamourös. Trotzdem hat sich die Schauspielerin Chloë Sevigny auf kaputte Charaktere spezialisiert.

Von Oliver Fuchs

Filmküsse sind meist eine gesittete Angelegenheit. Augenlider senken sich, Lippen verschmelzen, dazu wird symphonisch gegeigt. Der Kuss, der Chloë Sevigny bekannt machte, ist dagegen ziemlich krass. Zwei Münder in Großaufnahme, Saugen, Schlabbern, Schmatzen, endlos lang. Es geht um Lust und Gier und, ja, verdammt noch mal, auch um Macht. Aus dem Zungenduell geht Sevigny, die Zerbrechliche mit der Pergamenthaut, ganz klar als Siegerin hervor.

Larry Clarks Film "Kids" von 1995 bleibt vor allem durch diesen Brachialkuss in Erinnerung. Und durch eine Handvoll anderer Szenen mit Sevigny. Die war damals 19 und spielte eine 14-Jährige, die sich erst mit Aids infiziert und dann im Partydrogenrausch vergewaltigt wird. Sie schlurft durchs nächtliche New York, mit hängenden Schultern und gesenktem Blick. Ein trauriger Racheengel auf der Suche nach Erlösung. Andere Schauspielerinnen starten ihre Karriere eher mit einem Auftritt beim Mickey Mouse Club. Bei ihr folgen weitere Elendsrollen: Cracksüchtige, geschlechtskranke Disco-Abenteurerin, vom schizophrenen Bruder geschwängertes Mädchen. Maximal kaputte Charaktere in ausweglosen Situationen zu geben macht ihr offenbar Spaß. Nur konsequent also, dass sie jetzt auch in dem düsteren Serienkiller-Thriller "Zodiac" mitspielt. Wenn auch nur in einer Nebenrolle, als bebrillte, leicht verhuschte Ehefrau.

Wobei man sagen muss, dass Chloë Sevigny immer dann besonders sexy ist, wenn sie ihren angeborenen Glamour herunterdimmt und sich ein bisschen verschandelt. Wie als Sekretärin im mausgrauen Kostüm in "American Psycho" - fabelhaft sah sie da aus. Aufgewachsen ist Sevigny in der heilen Welt einer Kleinstadt in Connecticut als Kind wohlhabender Eltern - alles deutet zunächst tatsächlich eher in Richtung Mickey Mouse Club. Woher sie ihr besonderes Einfühlungsvermögen in Gestörte und Gestrandete nimmt, bleibt jedenfalls ihr Geheimnis.

Mit 17 zieht sie nach New York, hängt mit Punks und Skatern herum, arbeitet für ein Modemagazin. Sevigny ist von Geburt an geschmackssicher und ungeheuer stilbewusst. Sie sieht keine Veranlassung, den Stil der Großstadtjugend zu kopieren. Lieber wartet sie, bis die ihren Stil kopiert. Bald würdigt auch das Intelligenzblatt "New Yorker" Sevigny in einem siebenseitigen Essay als "coolstes Mädchen der Welt". Über zwanzig Filme hat sie gedreht, alles künstlerisch ehrgeizige Independent-Produktionen. "Ich hätte auch in ‚Titanic‘ spielen können", sagt sie. "Aber damals konnte ich diese schwachsinnigen Dialoge einfach nicht ertragen." Heute immerhin träumt sie von einer Rolle in einem Blockbuster wie "Spiderman". Irgendwas Normales, Nettes, Nichtgestörtes. Auf die Kuss-Szene freuen wir uns jetzt schon. Vorsicht, Spiderman! Das wird ein harter Kampf.

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