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Daniel Craig: "Das bleibt immer an einem dran"

Doch es gibt Schlimmeres, sagt Daniel Craig, als ein Leben lang als James Bond zu gelten. Im stern-Interview erzählt der sechste 007 über seine größte Rolle, sein neues Image und blaue Flecken.

Mr. Craig, der Bond-Erfinder Ian Fleming beschreibt seinen Helden als wortkargen Agenten mit Narben im Gesicht und schnellen Fäusten. Kommen Sie dem Original wieder näher nach dem Dandy Roger Moore und dem schönen Pierce Brosnan?

Ich habe das Buch von Fleming gelesen, und es hat mir sehr geholfen, aus James Bond einen Charakter zu machen. Er wird ja sehr vielschichtig beschrieben, nicht nur böse und brutal. Er ist zum Beispiel ein Waisenkind, was in dem Film auch angedeutet wird. Bond ist ein kompliziertes Wesen - und das war die Herausforderung.

In dem Film "Casino Royale" lernt Bond ja erst, 007 zu werden, und Sie wiederum lernen, Bond zu werden.

Stimmt, und das war das Glück. Denn für mich war es sehr wichtig, dass die Figur sich entwickelt. Ein Film ist doch unglaubwürdig, in dem eine Figur 140 Minuten das durchmacht, was Bond erlebt, und am Ende dieselbe wie am Anfang ist. Das ist Zeitverschwendung für den Zuschauer.

Der spürt förmlich den Schmerz, wenn er Ihnen beim Prügeln zuschaut. Ist Bond zu drehen eine Körperverletzung an sich selbst?

Da es auch ein Actionfilm ist, muss man das eben machen. Ich hatte jeden Tag blaue Flecken, Schnittwunden und Abschürfungen, einmal habe ich eine Zahnkrone verloren. Aber so ist es halt, wenn man James Bond spielt: morgens aufwachen, Schmerztabletten nehmen, und weiter geht's.

Als die Produzentin Barbara Broccoli Sie anrief und zum James Bond kürte, war das einer jener Anrufe, auf die ein Schauspieler sein Leben lang wartet?

Bei mir überhaupt nicht. Ich fühlte mich natürlich geehrt, sicher, aber ich habe Barbara auch gesagt, dass ich nicht ganz verstehe, was sie von mir will. Sie konnte es auch nicht genau sagen, weil es noch kein Drehbuch gab. Ich sagte also, lass uns reden, wenn es ein Drehbuch gibt. Dann verlor ich das ein bisschen aus dem Blickfeld, drehte "München" mit Steven Spielberg. Als Barbara schließlich ein Skript besaß, hoffte ich sehr, dass es schlecht sei.

Warum das?

Weil die Entscheidung, Bond zu spielen, das Leben verändert. Das bleibt immer an einem dran. Bond ist Verführung und Risiko zugleich. Und wenn das Drehbuch schlecht gewesen wäre, hätte ich professionell entscheiden können: Ich mag das Buch nicht, danke. Es war aber großartig. Und aus der Drohung Bond wurde schließlich eine Herausforderung. Wirklich, ich saß vor dem Buch und sagte mir, wenn ich das nicht annehme, mache ich mich lächerlich. Ich bin Schauspieler, und James Bond ist eine der größten Kinorollen.

Sie werden Ihr Leben lang Bond bleiben, für mindestens drei Filme - und dann als Ex-Bond bis zu Ihrem Begräbnis.

Stimmt völlig. Aber es gibt wirklich Schlimmeres. Ich habe zum Glück viele Rollen gespielt, die ich mochte. Bis auf einige Ausnahmen habe ich nichts nur wegen des Geldes und des Ruhms gemacht, sondern weil mich die Rolle interessierte. So ist das auch mit Bond. Sicher werde ich nun mehr in der Öffentlichkeit stehen, und es wird ein paar Geschichten oder Kritiken geben, die ich nicht mag. Aber das alles wäre kein Grund gewesen, Bond nicht zu spielen.

"Casino Royale" unterscheidet sich von den Vorgängern auch durch das Fehlen der üblichen Technikspielereien. Und Bond grinst auch nicht mehr, wenn er sich prügelt. Im Gegenteil, es geht heftig zu, es fließt viel Blut, und am Ende gibt es eine Folterszene, die zeigt, was Schmerz ist. Ist Bond noch ein Familienfilm?

Na ja, er ist ab zwölf Jahren freigegeben. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, die Konsequenz von Gewalt zu zeigen. Es ist doch viel gewalttätiger, wenn ein Mann in einen Raum geht, zehn Menschen erschießt, und Sie sehen und hören nichts davon. Kein Blut, keine Schreie. Das, glaube ich, verharmlost Gewalt. Wenn Sie aber genau zeigen, was Gewalt anrichtet, wie sehr Schmerz einen Menschen zerstört, ist das realistischer und abschreckender. Und "Casino Royale" ist ein James-Bond-Film, kein Märchenfilm.

Interview: Jochen Siemens / print