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Interview mit Halle Berry: "Kein Make-up, kein Sport"

Sie ist eine der ganz Großen in Hollywood, gewann als erste schwarze Schauspielerin den Oscar für eine Hauptrolle. Nun ist Halle Berry mit Benicio del Toro in "Things we lost in the Fire" zu sehen. Im stern.de-Interview spricht sie über aufwühlende Dreharbeiten und ihre Abneigung gegen Schminke.

Bringt gutes Aussehen mehr Vor- oder Nachteile für eine Kino-Karriere?

Es bringt auf jeden Fall immer wieder diese Frage, ob mein Aussehen nicht störend für eine Rolle wäre - als hätte Aussehen etwas mit Erfahrungen im Leben zu tun. Nur weil jemand als schön gilt, erlebt er deswegen doch nicht weniger emotionale Probleme. Er geht durch genauso viele Höhen und Tiefen wie jeder andere auch. Schönheit und Erfahrung haben nichts mit einander zu tun.

Dennoch hatte das Studio zunächst Bedenken bei Ihrer Besetzung?

Audrey wurde nicht als schwarze Figur geschrieben, deswegen galt ich nie als erste Wahl. Manchmal fällt es Leuten eben schwer, ihre Fantasie zu bemühen und ein Drehbuch nicht ganz so eng auszulegen. Für Autoren ist die Beschreibung einer Rolle nur eine grobe Orientierung, die das Lesen leichter machen soll. Wie eine Figur später mit Leben erfüllt wird, kann immer verändert werden.

Wie sind Sie dennoch an die Rolle gekommen?

Ich las das Drehbuch schon vor zwei Jahren. Damals sagte mir das Studio, es gäbe noch keinen Regisseur für das Projekt, und man müsste die Besetzung seiner Entscheidung überlassen. Das ist eigentlich kein ungewöhnlicher Vorgang, dennoch war es frustrierend für mich, diese Art von Ablehnung zu hören. Als Susanne Bier als Regisseurin feststand, habe ich alles darangesetzt, mich mit ihr zu treffen - und das hat funktioniert.

Wessen Idee war es, dass Sie auf Make-up verzichten?

Eine der ersten Vorgaben von Susanne lautete: 'Kein Make-up, kein Sport'. Für mich war es ganz fantastisch, einmal so ungeschminkt zu spielen. In meinem Alltagsleben trage ich auch nie Make-up, für mich hat sich die Rolle deshalb ganz besonders normal angefühlt. Bis auf wenige Szenen ganz zu Beginn haben wir im Film komplett auf jedes Make-up verzichtet.

Nach dem Oscar hatten Sie stapelweise Drehbücher auf dem Schreibtisch - warum wollten Sie ausgerechnet dieses Projekt über Tod und Trauer machen?

Das Drehbuch hat mich beim Lesen sehr getroffen, er hat mir richtig Angst gemacht. Ich habe bislang keine persönlichen Erfahrungen mit dem Tod und bin erschrocken über diese Geschichte von Verlust. Wenn mir so etwas beim Lesen passiert, werde ich immer neugierig. In solchen Rollen sehe ich die Möglichkeit, mich weiter zu entwickeln und neue Dinge zu lernen.

Was macht das Besondere der Geschichte für Sie aus?

Die Figuren sind sehr schön geschrieben. Sie sind perfekt unperfekt, kompliziert und sehr menschlich. Beide müssen Situationen bewältigen, in die wir als Menschen wohl alle einmal geraten. Jeder kennt das Problem, von etwas abhängig zu sein. Jeder hat Angst vor Verlust. Mit dieser Geschichte kann jeder etwas anfangen - wobei ich selbst noch keine Erfahrung mit dem Verlust eines Angehörigen machen musste.

Wie spielt man Schmerz und Trauer? Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich an wie Schauspielen! (lacht) Natürlich sind das andere Gefühle, die auf besonderen Erfahrungen beruhen, aber der Prozess des Schauspielens bleibt für mich stets derselbe: Man zerlegt die Figur zunächst für sich und erweckt sie dann zu neuem Leben. Diese Methode wende ich immer an, ganz egal um welche Rolle oder um welches Genre es sich handelt.

Was war der traurigste Moment in Ihrem Leben?

Ich bin ein großer Tierfreund. Als ein Kojote in unserem Garten zwei meiner kleinen Hunde getötet hatte, war das ein ziemlich trauriger Moment für mich. Ich fühlte mich schuldig, weil ich sie draußen gelassen hatte. Dieser Verlust war bislang der schlimmste, den ich erlebte. Aber ich muss nicht persönlich erst einen Menschen verlieren, um so eine Situation spielen zu können - als Schauspieler hat man ein Reservoir an Gefühlen, aus denen man schöpfen kann.

Liegen bei diesem Thema die Kitsch-Klippen nicht gefährlich nahe?

Es war wichtig, dass wir Trauer nicht in einer verzuckerten Form darstellen. Trauer bedeutet Wut und Ärger - und es gibt meist niemanden, auf den man seine Wut richten könnte. Man kann auf einen Mörder wütend sein, doch das bringt das Opfer nicht zurück. Genau dieser Situation muss sich Audrey stellen und sie reagiert mit ohnmächtiger Wut - das finde ich sehr lebensnah.

In dieser Wut wird Audrey nicht selten ungerecht...

Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir uns ständig am Negativen orientieren. Es können zehn wunderbare Dinge am Tag geschehen, dann sagt eine Person etwas Schlechtes - und nur dieses Negative wird uns im Gedächtnis blieben. Der Film versucht diese Haltung aufzubrechen. Er will uns sagen: Bei all den Fehlern, die wir machen, bleiben doch noch immer viele schöne Dinge übrig - man muss sie nur entdecken.

Wie viel Spielraum hatten Sie für Improvisation?

Das Drehbuch ist das Drehbuch, das ist die Bibel, die wir natürlich ernst nehmen, aber Susanne erlaubt sehr viele Freiheiten. Wir haben die Dialoge aus dem Drehbuch in eigene Worte übersetzt, dadurch wirkt alles sehr natürlich. Susanne hat dafür gesorgt, dass alle ihre Vorschläge einbringen können. Meine Ideen wurden immer aufgenommen. Das ist eine wunderbare Art des Arbeitens. Es sitzen wirklich alle in einem Boot.

Sehen Sie sich gerne auf der großen Leinwand?

Nein, das macht mich absolut nervös. Ich sehe mir einen Film immer nur einmal an, weil ich ja sehen will, wie er geworden ist. Aber danach tue ich mir das nicht nochmals an. Vor der Kamera bin ich überhaupt nicht aufgeregt, aber das fertige Produkt zu sehen halte ich nicht aus.

Stars sind von einer Armada von Beratern umlagert - wie treffen Sie Ihre Entscheidungen?

Ich habe noch nie anderen Leuten die Entscheidungen überlassen. Mir muss niemand sagen, was für mich gut wäre. Es ist meine Karriere und die mache ich selbst - oder setze sie in den Sand. Die Sache läuft also so, dass ich meinem Agenten sage, was ich machen möchte und nicht umgekehrt. Es gibt ohnehin keine Formel für den Erfolg, am besten verlässt man sich also auf seinen Instinkt.

Interview: Dieter Oßwald
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