HOME

Interview Tom Tykwer: "Den Zeitgeist zu treffen, war Zufall"

Vor genau zehn Jahren ist "Lola rennt" im deutschen Kino angelaufen. Damit wurde sowohl der deutsche Film wiederbelebt als auch der Berlin-Boom gestartet. Regisseur Tom Tykwer erinnert sich für stern.de an die damalige Hemmungslosigkeit, an kollektive Ekstase und die Macht des Zufalls.

Herr Tykwer, zehn Jahre ist "Lola rennt" nun her. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie das hören?

Wie immer ist es so, dass es sich nicht nach zehn Jahren anfühlt. Aber wenn man darüber nachdenkt, ist natürlich viel passiert - privat und in der Welt. Die Welt war doch noch ziemlich anders damals: vor dem Kollaps von New Economy, vor dem 11. September, vor der endgültigen Explosion der Globalisierung. Wiederum: Das Bild, das der Film von Berlin entwirft, hat sich konkretisiert und bestätigt. Als Zwitterstadt, die Aufbruch in die Neuzeit verkörpert und zugleich ein schöner Schrottplatz der Vergangenheit bleibt.

Befriedigt Sie die eigene Weitsicht?

Das wollten wir: die Zukunft einer Stadt einfangen. Wenn es sich so realisiert hat, ist das irgendwie befriedigend.

Wie macht man eigentlich nach dem großen Hit weiter? "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel" - funktioniert das wirklich?

Das hat in dem Fall ganz gut funktioniert. Bevor der ganze Rummel angefangen hat, war das nächste Drehbuch schon geschrieben. Als "Lola" dann durch die Welt rannte, haben wir schon wieder gedreht. Und dieser Film, "Der Krieger und die Kaiserin", war ganz aus dem Geiste von "Lola rennt" entwickelt. Wir sind also irgendwie am Ball geblieben und haben uns nicht wirklich ablenken lassen.

Ist es nicht verführerisch, sich auf dem Erfolg ein bisschen auszuruhen? Wenn es auf einmal aus Amerika heißt, dass man der "vielversprechendste deutsche Filmemacher seit Fassbinder" sei...

Ehrlich gesagt, geht das völlig an einem vorbei. Dieser Film wurde nicht mit mehr Leidenschaft oder Verve gedreht als die Filme davor oder danach. Die Tatsache, dass er eine Art Zeitgeist zu treffen schien, war reiner Zufall, meinetwegen Glückssache. Ich war immer ungefähr ähnlich zufrieden wie unzufrieden mit meinen Filmen. Der Hype hat mit der Welt drum herum zu tun, am wenigsten mit einem selbst. Die popkulturelle Gegenwart entscheidet sich relativ willkürlich für ihre Objekte der Hysterie. Und in dem Jahr waren wir halt mal dran.

Diesen Hardcore-Pragmatismus nehme ich Ihnen nicht ganz ab.

Natürlich fühlt es sich in dem Augenblick toll an zu wissen, dass man einen unerwarteten Trigger gefunden hat. Dass man ein bisschen kollektive Ekstase tatsächlich hat auslösen können. Sonst habe ich ja eher ernste Filme gemacht, die nicht so stark sichtbare Reaktionen verursachten. Es war schön, diese Energie im Kinosaal zu spüren. Denn das macht den Film ja aus: Energie, eine ungewöhnliche Idee und eine gewisse Hemmungslosigkeit. Hemmungslose Filme sind ja häufig dämlich, dieser war es irgendwie nicht.

War "Lola rennt", der ja Zufall und Schicksal zum Thema hat, eher Zufall oder Schicksal?

Das Schicksal ist existenziell vom Zufall abhängig und umgekehrt. Die beiden sind komplizierte Geschwister. Das eine kann ohne das andere nicht existieren.

Wissen Sie noch, was der erste Impuls war, "Lola rennt" zu machen?

Ich fand das Bild einer rennenden Frau sehr einfach und magisch, und darum herum wollte ich einen ganzen Film konstruieren. Ich wollte versuchen, ob man aus einer Bewegung allein einen ganzen Film entwickeln kann.

Haben Sie es jemals bereut, den Film gemacht zu haben?

Nein, ich finde ihn ja gut. [lacht] Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen, aber wenn ich ihn sehe, bin ich gerührt von unserer Gelassenheit, den Irrsinn einfach so für sich stehen zu lassen. Am besten gefällt mir, dass er in seinem ganzen Adrenalin sehr entspannt ist. Der Film hat keine Angst. Ich habe mir damals überhaupt keine Sorgen gemacht, dass der Film nicht Spaß machen könnte. Er ist sehr leicht in jeder Hinsicht und hat einen ziemlich lockeren Grundgestus.

Haben Sie schon mal überlegt, was ohne diesen Film wäre?

Ich weiss nicht. Vielleicht hätte ich den einen oder anderen Film nicht gedreht. Aber ich hätte immer Filme gemacht. Der Erfolg hat geholfen, es ist praktisch, wenn man wiedererkennbar ist. Der größte Vorteil ist die Verkürzung der Legitimationszeit für nächste Projekte.

Was ist bei Ihnen persönlich von "Lola rennt" übrig geblieben?

Vor allem die Erinnerung daran, dass man beim Filmemachen, beim Kunstmachen überhaupt, nicht verkrampfen darf. Dass man sehr sorgfältig nachdenken sollte - und dann springen!

Interview: Sophie Albers
Themen in diesem Artikel