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Tom Cruise: Das Arbeitstier

Seine Filme haben drei Milliarden Dollar eingespielt. Zeit zu entspannen? Nicht für Tom Cruise: Der ehrgeizigste Mann Hollywoods wirft sich immer wieder ins Zeug - jetzt als schwertschwingender "Last Samurai".

Es wird wohl wieder nichts werden. Wenn Ende Februar die Preise verteilt werden, wird er auf die Bühne starren, den Worten lauschen "...and the Oscar goes to...", und sein Name wird wieder nicht fallen. Dabei gibt es kaum etwas, was er sich mehr wünscht als diese größte aller Auszeichnungen, als diesen Liebesbeweis seiner Kollegen. Er ist der erfolgreichste Schauspieler der Welt, keiner verdient mehr Geld, kaum einer hat mehr Macht im Filmgeschäft. Und doch... geliebt wird er nicht. Tom Cruise wird respektiert - die Achtung vor der Leistung eines Strebers, der um Anerkennung ringt. Der will, will, will.

Das ist auch in jeder Szene seines neuen Films "Last Samurai" zu spüren, ein perfekt erzähltes Historienepos, wie es in seiner Naivität und Wucht nur Hollywood zuwege bringt - obwohl es im alten Japan spielt. Regisseur Edward Zwick hat einen klassischen Western in den Fernen Osten verlegt; "Der mit dem Wolf tanzt" begegnet "Shogun". Große Bilder, große Gefühle, ein zeitgeistiges Mischgewebe aus östlicher Mystik und westlicher Action, aus Philosophie und Schwertkampf, mit einigen hervorragenden Schauspielern, mit vielen guten Schauspielern - und mit Tom Cruise.

Er gibt hier einen amerikanischen Bürgerkriegshelden, der lange nach Kriegsende im Kampf weiterhin den Lebenszweck sucht, sich aber nach Feldzügen gegen die Indianer nur noch vor sich selbst ekelt und zu viel säuft. Dieser Söldner wird vom japanischen Kaiser angeheuert, um seine Truppen nach modernem westlichen Vorbild aufzustellen und dann die letzten rebellischen Samurai zu schlagen.

Der Amerikaner wird von den archaischen Kämpfern gefangen genommen, erliegt dem Reiz der fremden Kultur und kämpft letztlich an der Seite der aufrechten Tapferen. Schwerter, Pfeil und Bogen gegen Kanonen und Gewehre. Tradition gegen Moderne. Mit dem Hinweis auf das Verbrechen an den Indianern. Geschichte, die sich wiederholt. Mahnender Zeigefinger. Das ist alles sehr Hollywood. Und das ist alles gut.

Tom Cruise, schrieb die US-Unterhaltungsillustrierte "Entertainment Weekly", "spielt hier Tom Cruise, der einen Samurai spielt". Soll heißen: Wie in allen seinen Rollen wirkt er leicht verspannt; wie ein Schuljunge, der an der Tafel immer noch nasse Hände bekommt, obwohl er seit langem der Klassenbeste ist. Drei Milliarden Dollar haben seine Filme eingespielt, und seine Karriere folgt einem Erfolgsmuster: Immer wieder sieht man ihn in Uniform (jetzt zum fünften Mal), erlebt ihn unter den Fittichen eines Mentors (fünfmal), sieht zu, wie er sich in ältere Frauen verliebt (fünfmal), den schneidigen Harvard-Anwalt spielt (zweimal) und auf Motorrädern, in Sportwagen oder Jets durch die Gegend rast.

Aber wenn Cruise cool ist, so ist er doch nie lässig, wenn er smart ist, so doch ohne Witz. Sein Charme gleicht dem einer Tausendwattbirne - blendend, unübersehbar, aber subtil wie eine OP-Lampe beim Candlelight-Dinner. Und darum ist er in seinen Filmen zwar immer der Held, nie aber der Sympathieträger, das werden immer die anderen, die mit ihm arbeiten und dann die Oscars mit nach Hause nehmen.

Paul Newman bekam 1987 den ersten Oscar seiner langen Karriere für "Die Farbe des Geldes" - an der Seite von Cruise, der den Kretin gab, einen arroganten Billardspieler. Die Geschichte wiederholte sich zwei Jahre später, als Dustin Hoffman den Oscar für "Rain Man" erhielt, Cruise - im Film der Schnösel - ging leer aus. Wie acht Jahre später, wo er, klar, als Schnösel, für "Jerry Maguire" selbst nominiert war und dann mit ansehen durfte, wie sein Co-Star Cuba Gooding Jr. ausgezeichnet wurde. Ein Fluch? Er wird sich wiederholen. In "Last Samurai" gibt es einen japanischen Schauspieler namens Ken Watanabe, der mit viel Herz und Würde den Anführer der Rebellen spielt und von seinem amerikanischen Superstarkollegen derart gründlich Sympathie abzieht, dass Cruise einem vorkommt wie Sushi, perfekt, appetitlich, aber kalt.

Tom Cruise macht halt das, was er am besten kann: Er verlässt sich auf seinen Körper, die lauten Töne. Leise kann er nicht, da neigt er zum Übertreiben. Aber er ist jetzt 41 Jahre alt, und den verdammten Oscar, das weiß er genau, bekommt er nicht fürs Tausendwattlächeln und nicht für Dinge, die kleinen Jungs gefallen. Deshalb riskiert er manchmal was. Spielte einen verkrüppelten Vietnam-Veteranen, einen selbstgefälligen Sex-Therapeuten, einen untreuen Ehemann. Zeigt Brüche und Schwächen auf der Leinwand; so spontan und von Herzen kommend, als wär's nur tausendmal geübt.

Echte Krisen, wenn er sie denn hat, schirmt er besser vor der Öffentlichkeit ab als jeder andere; auch da ein Perfektionist. Und er überwacht geradezu manisch die Presse, der er abgrundtief misstraut.

Herr Cruise wolle genau wissen, was man über ihn schreibt, wird einem am Telefon mitgeteilt. Er wolle eben Kontrolle. Man lehnt ab. Dann, so heißt es, könne man die zugesagten Fotos leider nicht freigeben. Man sagt: Das ist Erpressung. Eine bedauernde Stimme erwidert, da könne man nichts machen. Herr Cruise sei halt so.
Streber kommen sehr weit. Geliebt werden sie nie.

Oliver Link

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