HOME

"Die Zauberflöte": Die Weisheit als Kinderspiel

Mozarts "Zauberflöte" gilt als naiv - und das ist sie auch, wenn das Naive die komplexeste Form des Erzählens ist. Regisseur Benno Besson holt groß aus und inszeniert einen Rundgang durch die Menschheitsgeschichte.

Von Axel Brüggemann

Zuweilen sind die Geheimnisse der Menschheit nur ein Kinderspiel: das ewig scheiternde Streben nach Tugend, Weisheit und Gerechtigkeit ist letztlich ein perfekter Märchenstoff. Der Regisseur Benno Besson, ein ausgewiesener Bühnen-Magier, spricht von der "Schönheit der Naivität". "Eine Begegnung mit der Wirklichkeit", sagt er, "die offen ist und sinnlich, das geht nur, wenn Naivität vorhanden ist." Für ihn ist Mozarts "Zauberflöte" ein Musterbeispiel an Naivität. Ein einfaches Märchen nur, das in den Reichen von Gut und Böse angesiedelt und dennoch bis unter das Sternenzelt der Königin der Nacht mit allen kulturhistorischen Konstanten des Humanismus aufgeladen ist - von der ägyptischen Antike bis zum Ehrenkodex der Freimaurer.

So simpel und einfach die Oper um den Prinzen Tamino, seinen Freund, den Lebemann und Vogelfänger Papageno, die sternflammende Königin, ihre bildhübsche Tochter Pamina und den Hüter des heiligen Weisheitsgrals Sarastro scheint, so komplex haben Mozart und sein Librettist Schikaneder den Plot zurechtgesponnen.

Die Entstehungsgeschichte der "Zauberflöte" gleicht der des Kino-Klassikers "Casablanca". Auch hier war bis zum Drehschluss nicht klar, wer gut und wer böse ist, ob Humphrey Bogart am Ende mit Ingrid Bergmann entschwindet oder lieber eine gute Männerfreundschaft mit dem französischen Polizeipräfekten beginnt. Bei Mozart war das ähnlich: Lange dachte er selbst, dass die Königin der Nacht das Gute verkörpert, ihr Gegenspieler Sarastro das Böse. Doch während der Komposition änderte sich das Koordinatensystem - und wahrscheinlich ist es ein Erfolg der Oper, dass die Pole der Menschheit sich im Verlauf der Musik ständig ändern.

In seiner Pariser Inszenierung spielt auch Regisseur Besson mit den Stereotypen von Gut und Böse. In seiner Märchenwelt wimmelt es hinter der ästhetisch naiven und kunterbunten Oberfläche einer heilen Opernwelt vor irritierenden Anspielungen, Querverweisen und Verunsicherungen.

Luftig leichter Klangrausch mit existenziellem Grundton

In der ohrenscheinlichen Naivität liegt die Crux von Mozarts Musik. Was so leicht, zuweilen sogar beschwingt klingt, als hätte er einen Gassenhauer nach dem anderen komponiert, entspinnt sich zu einer großen, komplexen Oper. Die "Zauberflöte" ist auf der einen Seite eine beliebte Kinderoper, in Wirklichkeit aber ist sie eines der letzten Werke des Komponisten, in dem er sein Weltbild noch einmal auseinandernimmt und wieder zusammenbastelt. Ein luftig leichter Klangrausch mit existenziellem Grundton, an dessen Ende so etwas wie eine positive "Götterdämmerung" steht.

Die Pariser Aufführung erzählt all das in bunten, opulenten Bildern, die mit Zitaten der Menschheitsgeschichte aufgefüllt sind. Dirigent Iván Fischer behält Mozarts naive Leichtigkeit und füttert sie subversiv mit den weisen, endgültigen musikalischen Lebenserkenntnissen des Komponisten. Er kann sich das gut leisten, denn ihm steht ein Weltklasse-Ensemble zur Verfügung: Piotr Beczala verleiht Tamino ein wahrlich heldisches Antlitz, Dorothea Röschmann ist keine naive Pamina, sondern eine moderne, selbstbestimmte Frau, Detlef Roths Papageno entfernt sich vom burlesken Klischee der Rolle und lässt verstehen, dass der Lustmensch ein Gefühlsmensch ist - Désiree Rancatore ist eine atemberaubend höhensichere Königin der Nacht und der Haudegen Matti Salminen sitzt als Sarastro auf einem unangreifbaren Bass-Fass von tönender Weisheit.

Diese "Zauberflöte" beweist, wie kompliziert ein Kinderspiel sein kann, dass es nichts Komplexeres als die Naivität, nichts Verworreneres als die Reinheit gibt.

Themen in diesem Artikel