"Junge Dichter und Denker" Rap den Erlkönig


Was haben wir uns während der Schulzeit damit gequält, den "Zauberlehrling" auswendig zu lernen. Doch sechs Schüler aus dem Süden Hamburgs - die "Jungen Dichter und Denker" - haben einen Trick: Unter den Fittichen von Thomas D. werden Goethe, Schiller und Fontane ab jetzt gerappt.
Von Pia Röder

Sonntagmorgen im Hause Casper. Tochter Nicola sitzt am Küchentisch und lernt widerwillig ein Gedicht von Erich Mörike auswendig. Dröger Stoff. Mühsam zu lernen, aber sitzen muss es. Das ist Hausaufgabe. Die Elfjährige weiß sich jedoch zu helfen und verwandelt die Zeilen schlichtweg in einen Rap. Den Text hat sie, nur noch eine Prise Rhythmus dazu und schon sitzen die Verse. Ein einfaches Prinzip, lernen mit Spaß zu verbinden. Vater Addo, ehemaliger Chef eines Musikverlags, erkennt das Potential der Idee seiner Tochter und nimmt Kontakt zu Musikkollegen auf, um das Projekt ins Rollen zu bringen. Nicole spricht Freundinnen und Bekannte an und es entwickelte sich, wie Addo Casper sagt "ganz natürlich" zu einer Musikgruppe. Die "Jungen Dichter und Denker" - kurz: JDD - sind geboren. Sechs Jugendliche aus Buchholz in der Nordheide katapultieren seitdem die altertümlichen Texte der klassischen Dichter und Denker in die Gegenwart und beweisen, dass Gedichte keinen staubigen Geschmack auf der Zunge hinterlassen müssen - definitiv nicht, wenn man sie rappt.

Das war vor zweieinhalb Jahren. Seitdem rappen die Sechs Lyrik, allerdings bis jetzt nur für den Schulunterricht. Die bisher erschienenen CDs sind bei Eltern und Lehrern sehr beliebt. Ob "Das kleine Ein-mal-Eins singend lernen", oder die Gedichte von Wilhelm Busch im Sprechgesang auf der CD "Max und Moritz". Die JDD helfen mittels eingängiger Klänge, Kindern das Lernen zu erleichtern - vom Grundschulalter bis in die Sekundarstufe. Über 30 Kinder zwischen acht und 14 Jahren entwickeln zusammen Musik für den Schulunterricht.

Am 16. November veröffentlicht die Gruppe ihr neues Album. "Junge Dichter und Denker" heißt es und ist das erste kommerzielle Album der jungen Rap-Virtuosen. Statt bisher nur für den Unterricht, machen sie nun ihren Rap-Gesang auch für die Charts. Ob Schillers "Die Bürgschaft", "Die Brücke am Tay" von Fontane oder Goethes "Erlkönig". Das neue Album nimmt sich der großen, deutschen Lyrik musikalisch an - schnell, schwungvoll und alles andere als altertümlich. Dabei versuchten die Combo und ihr Produzententeam, die Texte harmonisch mit den modernen Klängen verschmelzen zu lassen. "Es geht um moderne Beats und um die Inhalte der Gedichte. Die Stimmung, die durch den Text aufgebaut wird, haben wir musikalisch sehr individuell und vielfältig noch verstärkt", sagt Produzent Achim Oppermann. Jedes Gedicht wird anhand des Klangs und des Inhalts analysiert. Dann arbeitet das Team daran, die Musik der individuellen Stimmung der Verse anzupassen. Frühlingshafte Leichtigkeit bei "Er ist's" von Mörike oder eine melancholisches Streich-Ensemble, das Heines "Loreley" melodisch umschmeichelt. Die Melodien sind ausgefeilter und aufwändiger als für den Unterricht. Orchester untermalen nun beispielsweise den Sprechgesang.

"Cooler" Umgang mit einem Stück Kultur

Neben dem musikalischen Anspruch finden die Bandmitglieder die Texte in erster Linie spannend. "Der Zauberlehrling ist wirklich aufregend, in dem Gedicht passiert unheimlich viel", erzählt Laura, eine der "Jungen Dichter und Denker", mit leuchtenden Augen. Konstantin mag die Dramatik in "Die Brücke am Tay", Tim bekommt beim Erlkönig eine Gänsehaut, "vor allem die letzte Strophe ist unheimlich traurig". Nicola und ihre Bandkollegen wollen nicht oberlehrerhaft Lektionen in Literatur geben - dafür sei die Schule da - aber sie plädieren für einen "coolen" Umgang mit einem Stück Kultur und deshalb haben sie aus dem Unterrichtsstoff nun ihre erste richtige Platte gemacht. Ein neues Kapitel des deutschen Hip Hop wird damit aufgeschlagen. Eines, in dem sich die Musik nicht wie bei ihren entfernten Verwandten aus Berlin vulgären Texten und Inhalt von der Straße verschrieben hat, sondern die ganz auf den Spuren klassischer Literatur wandeln. Braver Rap sozusagen.

Was die Fans an dieser neuen Art von Hip Hop gut finden, ist die Tatsache, dass es eigentlich nichts anderes als Bildung ist. Nett verpackte Bildung, aber eben Stoff, den man kennen muss. Und junge Leute, die sich freiwillig mit deutschem Kulturgut beschäftigen, ernten Begeisterung. Der Verein Deutsche Sprache e.V. formuliert es etwas umständlich: "Die Jungen Dichter und Denker beleben die den klassischen Balladen inhärente Spannung durch die Dynamik des Rap!" Die Botschaft ist klar: Rap und Literatur kommt auch bei den Fachleuten gut an. Auch Band ist von ihrer Idee begeistert: "Lernen und Spaß zu verbinden, ist doch super", sagt Konstantin "und Musik und Rappen macht Spaß", ergänzt Laura. Dass es der Gruppe Spaß macht, sieht man auch auf der Bühne. Wie die großen Hip Hop-Stars präsentieren sie ihre Songs mit einer aufwändig einstudierten Choreographie. Frech und cool rappen sie ihre Texte vor Publikum, wie im April dieses Jahres in der Halbzeit des Basketball-Spiels zwischen Köln und Ludwigsburg.

Rekord mit dem "Erlkönig"

Mittlerweile haben sich die Jugendlichen deutschlandweit in der Szene einen Namen gemacht. Auch das deutsche Hip Hop-Urgestein Thomas D. von den "Fantastischen Vier" ist von der Idee, Literatur zu rappen, begeistert: "Völlig klischeefrei, unverbraucht und frisch - Junge Dichter und Denker von Kids für Kids, genau das brauchen wir. Respekt!" Er ist Freund und Mentor der jungen Musiker und hilft den JDD seit der Gründung, ihre Musik zu produzieren.

Seit dem musikalischen Geistesblitz am Frühstückstisch ist bei den JDD viel passiert. Von einem ersten Konzert auf einem Stadtfest führte sie ihr Weg über Auftritte bei Charity-Galas, Bildungsmessen, im Fernsehen beim Fernsehkanal KiKa. Auch einen Auftritt bei Johannes B. Kerner hatten sie bereits. Auf der Leinwand werden sie ebenfalls zu sehen sein. In Til Schweigers neuem Kinofilm "Keinohrhasen", der am 20. Dezember in die Kinos kommt, präsentieren sie ihren Song "Der Zauberlehrling". Sogar einen Eintrag ins Guinnesbuch der Rekorde haben sie sich gesichert: Zusammen mit rund 1600 Schülern rappten sie den "Erlkönig".

Doch das soll's nicht gewesen sein. Auch in Zukunft planen die JDD weitere musikalische Bildungsgriffe. Eine zweite Dichter-CD ist in Planung, und sie denken darüber nach, deutsche Volkslieder neu im Rap-Stil zu vertonen. Aber sie verfolgen auch ihr Anliegen, weiter für den Unterricht zu produzieren, und wagen sich an die Naturwissenschaften ran. "Die Eltern kommen auf uns zu und fragen nach neuen musikalischen 'Lernhilfen'. Wir denken an einen Säure- und Laugensong. Oder etwa ein gerapptes Periodensystem", sagt Nicolas Vater Addo, Manager der JDD. Der Wissensdurst hört also nicht bei der Lyrik auf.


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