HOME

BRITPOP: Bekenntnis zu Mutter Natur

Nach wilder Szenezeit und drei Jahren Pause entdecken Jarvis Cocker und seine Band Pulp das einfache Leben.

Jarvis Cocker beißt in ein Wurstbrot. So, wie er aussieht, hat er das auch nötig. Der britische Popstar ist dünn. Sehr dünn. Sein Markenzeichen. Heute trägt Jarvis Cocker einen braunen Pullover, eine braune Hose und braune Schuhe, und wenn ihm das nicht so ausgezeichnet stehen würde, dann könnte man sagen: Er ist von Kopf bis Fuß in Kackfarben. Doch Cocker hat Stil. Das ist sein anderes Markenzeichen.

Jarvis Cocker ist der Sänger der britischen Popgruppe Pulp, und die Geschichte seines Lebens ist auch die Geschichte seiner Band.

Erst mit 19 konnte Jarvis Cocker ein Mädchen davon überzeugen, dass er sexy ist. Und erst 1995 landete Pulp einen Hit: »Common People« - 17 Jahre nachdem er die Gruppe in seiner Heimatstadt Sheffield gegründet hatte. Er weiß, warum: »Wir sehen nicht gut aus. Wir können nicht gut spielen. Wir sind nicht perfekt.« Doch genau das scheinen die Leute an Pulp zu mögen: das Anderssein.

Vor ein paar Jahren etwa wollte eine britische Tageszeitung den Musiker zu einer Wiedervereinigung mit seinem verschollenen Vater nach Australien einfliegen. Cocker lehnte ab und unternahm die Reise inkognito. Nie würde er das Naheliegende tun. Einmal stürzte er sich wie Spiderman aus einem Fenster, um ein Mädchen zu beeindrucken. Danach musste er im Rollstuhl auf die Bühne gerollt werden. Und 1996 regte er sich so sehr über den jesusartigen Auftritt von Michael Jackson bei der Verleihung der Brit Awards auf, dass er versuchte, den King of Pop von der Bühne zu schubsen. Cocker wurde verhaftet, wochenlang zierte sein Bild die Titelseiten der englischen Krawallpresse, und Jacksons Anwälte nahmen den schlanken Briten gewaltig ins Gebet.

Das neue Album von Pulp heißt »We Love Life, und es geht darin - außer um Mädchen, die Jungs verlassen - um die Natur. Da gibt es Lieder über Unkraut, Sonnenaufgänge und Bäume. Balladen, die in Moll beginnen, sich mittendrin kurz in Dur-Akkorde auflösen, dann wieder getragen ins Trübe gelangen und dort verharren. Scott Walker, der legendäre Songwriter aus den sechziger Jahren, hat die Platte produziert, und das war auch gut so. Zu «We Love Life» kann man rauchen, küssen, rocken, raven oder nachdenken - je nachdem, wonach einem gerade ist. Und wenn einer wie Jarvis singt: «Die Welt ist so schön», klingt das nicht kitschig, sondern lustig. Seine Texte könnte man genauso gut auch als Kurzgeschichten abdrucken. Sie erinnern an Moritaten. Wäre Cocker im Mittelalter geboren, er wäre ein Minnesänger geworden. Oder Hofnarr. In jedem Fall einer, der von den Mädchen verlassen wird.

Arezu Weitholz

Themen in diesem Artikel