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Nancy Sinatra: "Irgendwas muss an mir dran sein"

Lange war Nancy Sinatra von der Bildfläche verschwunden, jetzt meldet sie sich mit einem neuen Album zurück. Ein Gespräch über ihren größten Bewunderer, ihr Verhältnis zur Presse und die Vereinbarkeit von Sex-Appeal und Emanzipation.

Frau Sinatra, werden Sie immer noch auf Ihre Stiefel angesprochen?

Ja, aber es macht mir wirklich nichts aus. Ich bedauere nur, dass ich nicht schon 1966, als der Song Nummer eins war, meine eigene Boots-Mode entworfen habe. Wer hätte gedacht, dass er so langlebig ist! Es muss dutzende Cover-Versionen geben, zuletzt hörte ich eine von der Rapperin Lil Kim.

Wie hat Ihnen die Neuauflage von "Something Stupid" mit Nicole Kidman und Robbie Williams gefallen?

Oh, sehr! Ich fand vor allem gut, dass ein Pärchen gesungen hat - und nicht Vater und Tochter, wie wir vor fast dreißig Jahren. Sie nannten es damals den "Inzest-Song".

Auf Ihrer jetzt veröffentlichten Platte "Nancy Sinatra" sind Nummern, die englische Pop-Größen wie Morrissey, Thurston Moore von Sonic Youth oder Jarvis Cocker von Pulp für Sie geschrieben haben. Wie kam es zu dieser verblüffenden Zusammenarbeit?

Das sind meine Fans! Mit Morrissey bin ich seit zehn Jahren befreundet. Er kennt alle meine Songs, das sind immerhin 500 Stück, und manchmal zitiert er sogar daraus - mein Gott, sogar ich habe die Texte vergessen! Er marschierte damals einfach in mein Hotelzimmer und stellte sich als einer meiner größten Bewunderer vor. Dabei gilt er als schüchtern - wieder ein Beweis, dass man nicht alles glauben soll, was man in der Zeitung liest.

Fühlen Sie sich in der Presse falsch dargestellt?

Naja, meistens sind sie fair, aber sie holen eben immer die alten Klischees raus. Weiß inzwischen nicht jeder, dass Frank mein Vater war? Die jungen Leute, mit denen ich jetzt die Platte gemacht habe, schätzen mich für meine eigene Geschichte. Ich hatte 22 Chart-Hits, vergessen Sie das nicht! Nur meine Altersgenossen fanden mich immer belanglos.

Woran lag das?

Ach, weil ich mich aus ihrer Szene herausgehalten und nie Drogen genommen habe. Eine Zeitlang war ich sauer darüber, dass ich nicht ernst genommen wurde. Aber ich habe seit 40 Jahren Fans auf der ganzen Welt, die dafür bezahlen, mich zu sehen. Irgendwas muss also an mir dran sein.

Sie galten in den 70er Jahren einerseits als Feministin, andererseits als Pin-up-Girl - wegen Ihrer sexy Aufmachung wurde eine Ihrer Platten kurzzeitig verboten.

Ich bitte Sie, sind Sex-Appeal und Emanzipation etwa ein Widerspruch? Als ich mich vor zehn Jahren für den "Playboy" ausgezogen habe, fragten mich die Leute auch entgeistert, wie ich, als Feministin, so was tun könne. Es hat einfach Spaß gemacht.

Glauben Sie, dass Ihr sexy Image Popstars wie Britney Spears oder Christina Aguilera beeinflusst hat, die sich mehr oder weniger wie Porno-Darstellerinnen präsentieren?

Nein, diese Mädchen sind keine Feministinnen, sondern Opfer ihrer Regisseure, Designer und Manager. Sie tun mir leid. Mich erinnert das an Elvis. 1968 haben wir einen Film zusammen gedreht. Elvis war so traurig damals. Sein Manager, der berüchtigte Colonel Parker, schob ihn von einem Film in den nächsten, einer dümmer als der andere. Elvis hat es gehasst, aber er kam da nicht raus. Daran muss ich bei diesen Mädchen denken.

Ein Kritiker hat Sie kürzlich als High-Society-Prinzessin bezeichnet, die in den 60er Jahren von einem Freak entführt wurde.

Der Freak ist Lee Hazlewood? Das ist sehr lustig. Muss ich Lee erzählen. Aber von wegen Prinzessin. Als ich klein war, hatte mein Vater seine ersten bescheidenen Erfolge, und wir zogen von New Jersey nach Hollywood. 1948, da war ich acht, haben sich meine Eltern getrennt, Franks Platten verkauften sich überhaupt nicht, und meine Mutter musste extrem knapsen, wie alle Leute damals. Seine größten Erfolge hatte Frank erst, als ich schon erwachsen war.

Sie haben sich Mitte der 70er aus dem Musikgeschäft zurückgezogen.

Meine Kinder gingen vor. Und als 1985 mein Mann an Krebs starb, hatte ich sowieso keine Wahl. Angela und Amanda waren damals neun und elf Jahre alt und völlig durcheinander. Eine schreckliche Zeit. Ich musste ja immer stark sein vor ihnen und zeigen, wie es weitergeht, damit die Mädchen nicht beide Eltern verlieren. Heute kümmern sie sich um mich: Amanda ist Fotografin, sie hat mich fürs Plattencover aufgenommen. Und Angela ist meine Produzentin. Wir sind ein richtiges Familienunternehmen.

Haben Sie Kontakt zu Ihrer Schwester Tina?

Natürlich, wir sind sehr eng, sie hat ihr Büro hier im selben Gebäude wie ich.

Tina hat 1992 eine TV-Reihe über Ihren Vater produziert, Sie selbst haben schon ein Buch über ihn veröffentlicht. Nun arbeiten Sie an einem Film?

Ja, ich habe noch so viele Fotos, Filme und Aufnahmen, ich bereite jetzt eine Dokumentation über ihn und seine Zeit vor. Es soll alles nur mit seiner Stimme erzählt werden. Ich bin sehr nervös, schließlich hat man an die Tochter gewisse Ansprüche.

Auf Ihrer neuen Platte ist ein Song, den Bono von U2 ursprünglich für Frank Sinatra geschrieben hat. Stimmt es, dass Sie bei einem Konzert geweint haben, als Sie "Two Shots of Happy, One Shot of Sad" sangen?

Ich heule doch nicht auf der Bühne! Nein, da muss ich einfach gut gespielt haben.

Interview: Christine Kruttschnitt