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Coldplay: Ansichten eines Clowns

Chris Martin, Sänger der Band Coldplay, galt als Grübler. Heute erzählt er Herrenwitze. Was ist los mit dem Mann, der gerade mit seiner neuen CD einen Volltreffer gelandet hat?

Von Hannes Ross

Der Anrufbeantworter im Büro blinkt: Sie haben eine neue Nachricht, empfangen um 22.41 Uhr. "Hallo, hier ist Chris Martin von Coldplay", sagt die freundliche Stimme. "Mir ist doch noch ein Witz eingefallen." Die Sache hat ihm also keine Ruhe gelassen. Dabei war es eine Kinderfrage, harmlos und beiläufig: Was ist Ihr Lieblingswitz? Irgendetwas muss passiert sein im Leben von Chris Martin, einem der zurzeit wohl größten Popstars der Welt und Ehemann der Schauspielerin Gwyneth Paltrow. In der Vergangenheit sprach der 31-Jährige gern und oft über faire Getreidepreise in Ghana, jetzt erzählt er schweinische Witze am Telefon. Aber dazu kommen wir später.

Tags zuvor in London, eine unscheinbare Einfahrt mit überquellenden Mülleimern. Hier, gut getarnt in einer ehemaligen Bäckerei, liegt das Aufnahmestudio und die private Band-WG von Coldplay.

Drinnen sieht es wie das elterngeförderte Wohnprojekt eifriger und gesundheitsbewusster Literaturstudenten aus. Auf der Toilette liegt ein Sammelband von Shakespeare, der Kühlschrank ist gefüllt mit frisch gepresstem Aprikosensaft, und irgendwo dazwischen läuft Chris Martin in einem denkbar uncoolen schlabberigen Baumwoll-Trainingsanzug umher und fragt höflich, ob er dem Besucher etwas anbieten darf.

Hier in diesen unspektakulären Räumen entstand also das neue Coldplay- Album "Viva La Vida", das diese Woche veröffentlicht wird. Und wie immer wenn sich die vier Briten im Studio einschließen, um an neuen Songs zu arbeiten, waren die Erwartungen seitens der Musikbranche und der Fans gewaltig. Coldplay - das ist wie Harry Potter für den Buchmarkt: der große gemeinsame Nenner, auf den sich alle Generationen einigen können. Allein ihre letzte CD "X & Y" verkaufte sich mehr als zehn Millionen Mal.

"Wir waren einfach gelangweilt davon, Coldplay zu sein"

Umso erstaunlicher ist deshalb, dass Coldplay nun dieses behagliche Familienlagerfeuer aufmischt. Zwar gibt es auch auf ihrem neuen Album diese engelsgleich gesungenen Wehmutswohlfühlballaden. Doch dazwischen wird es oft richtig finster und schmutzig. Chris Martin klingt, wer hätte das gedacht, wütend, sogar sexy. Der Chorknabe des Britpop kommt in die Pubertät, und das macht die CD zum ersten großen Popereignis des Jahres.

"Wir waren einfach gelangweilt davon, Coldplay zu sein", sagt Chris Martin, um sich im nächsten Augenblick nach der Digitaluhr des Interviewers zu erkundigen. "Ist die mit Taschenrechner? Durftest du die auch in der Matheprüfung benutzen?" Stopp, Herr Martin! Wie war das mit dem Gelangweiltsein vom eige- nen Ruhm und den endlosen Stadion- Tourneen um den Globus? "Ich hatte die Formel für die Hits gefunden. Die habe ich jetzt weggeworfen, um etwas Neues zu beginnen, aber sag mal, was anderes, wo kann ich diese Digitaluhr kaufen?"

Es ist nicht leicht, mit Chris Martin ein zusammenhängendes Gespräch zu führen. Aber es ist eine Erleichterung. Er kann das jetzt, seine Rolle als Popidol genießen, und darum nimmt er sich nicht mehr so ernst. Neulich spielte er sich selbst in der großartigen britischen Comedy-Show "Extras". Er gab das Popstar-Arschloch, das sich selbst beim Charity-Fotoshooting nicht zu schade ist, penetrant für seine neue CD zu werben.

Und der Telefon-Witz? Der geht so: "Wie macht man eine Frau in einem englischen Pub an? Du sagst einfach: Du hast wunderschöne Augen, deshalb möchte ich jetzt deine Brüste anfassen."

Tja... Ob er so den Hollywood-Schwan Gwyneth Paltrow rumgekriegt hat? Heute wäre ihm das zuzutrauen.

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