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Die Show "Bharati": Indische Invasion

Wer einmal einen Bollywood-Film gesehen hat, ahnt, was im indischen Musical "Bharati" auf ihn zukommt: Bombastische Klänge, grazile Tänze, farbenprächtige Kostüme - berauschende Unterhaltung ohne Furcht vor Kitsch und Pathos.

Von Claudia Pientka

Hauchdünne Seidenfahnen flattern im Wind, Schwaden von Räucherstäbchen wabern durch die unteren Zuschauerränge, am Bühnenrand sinken die Musiker in den Lotussitz: "Bharati", das indische Monumentalspektakel, hat seine Zelte in Hamburg aufgeschlagen. Und während die letzten Zuschauer noch ihre Plätze in der Color Line Arena suchen, dröhnen schon die ersten Trommelschläge durch die Halle, scheppern Maultrommeln zur Sitar, trippeln dutzende Füße über die Bühne.

"Bharat" so lautet der Name Indiens auf Hindi, die Abwandlung "Bharati" bedeutet "Suche nach dem Licht". Und, um des Dreiklangs willen, trägt auch die Protagonistin, gespielt von der Tänzerin Bhavna Pani, diesen Namen. "Wir haben das Musical so genannt, weil Indien viele weibliche Charakterzüge trägt", erklärt Pani. Und ganz schnell versteht der Zuschauer, dass auch diese Aufführung von den Frauen mit ihren glitzernden Kostümen beherrscht wird.

Liebesreigen als roter Faden

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der junge Ingenieur Siddharta kehrt aus den USA zurück nach Indien, um im heiligen Ort Varanasi die Wasserqualität des Ganges zu verbessern. Am Flussufer trifft er die schöne Bharati, Findelkind aus unterster Kaste und Adoptivtochter des Feuerbestatters - und verliebt sich in sie. Der Vater aber hat für seine Tochter bereits einen anderen, ebenbürtigen Mann ausgesucht.

Siddharta kommt nicht nur aus der falschen Kaste, er hat zudem nichts übrig für die Sitten und Traditionen seines Vaterlandes, fühlt sich Laptop und Jeans stärker verbunden als Ayurveda und Yoga. So ist auch dies ein Thema des Musicals: Orient und Okzident mit all ihren Gegensätzen in einer fruchtbaren Symbiose zu vereinen. Und ganz nebenbei werden die Zuschauer auch noch ein wenig in Landeskunde unterrichtet: ein bisschen Religion, ein Fetzen Geschichte, ein Blick auf Bollywood - alles, was Indien im Innersten zusammenhält.

Doch all das bildet nur die Kulisse für die fulminanten Tänze, Gesangeinlagen und Akrobatikdarbietungen der Künstler. Denn was die Ausstatter am kargen Bühnenbild gespart haben, machen sie mit den funkelnden Kostümen der Tänzer wett. Spiegelbestickte Röcke schwingen um weibliche Hüften, Saris glitzern im Scheinwerferlicht, Jodhpurhosen und Turbane wecken Sehnsüchte nach exotischen Urlauben. Mehr als hundert Tänzer, Musiker und Sänger schenken den Besuchern der kühlen Color Line Arena ein orgiastisches Spektakel, orange- und pinkfarbene Lichtkegel tauchen die Szenerie in die warmen Farben Indiens.

Dabei sind die Kunstformen streng voneinander getrennt: Die Tänzer rennen auf der Bühne hin und her, werfen ihre Köpfe mit keckem Blick zur Seite, tippen ihre nackten Zehen auf den Boden, spreizten ihre Finger wie Palmblätter. Es singen fünf Sänger und Sängerinnen, die dezent an den Bühnenrändern auftreten. Dort hockt auch die Band, die mit Sitars, Trommeln und Tamburinen für exotische Klänge sorgt.

Ein bisschen Landeskunde, ein wenig Werbeschau

Gewöhnungsbedürftig ist der Erzähler, der die Versatzstücke aus Tanzeinlagen, Liebesdrama und Geografiekurs zusammenhalten muss. In einwandfreiem Deutsch, nur der Hauch eines Akzents ist zu erahnen, erklärt er den Zuschauern, was gerade passiert auf der Bühne: Warum Siddharta so zerrissen ist, was es mit Yoga und Hinduismus auf sich hat, wie indische Ehepaare ihren Ehealltag bestreiten. Alles gewürzt mit einer Prise Humor und feiner Selbstironie.

Dass die Story nicht immer logischen Handlungssträngen folgt, Feinde sich unvermittelt in die Arme fallen und Bharati so verschüchtert schön und ehrfürchtig ist, dass es jeder indischen Feministin die Tränen in die Augen treiben würde, stört den Betrachter nicht wirklich. Die Aufführung strotzt vor Kitsch und Pathos, kaum eine Szene, in der der Erzähler nicht seine Liebe zum Land beteuert. Im Hintergrund fliegen dazu Rajasthans Paläste, Kaschmirs Berge und Keralas Küsten über eine Videoleinwand - ein bisschen Touristenführer ist die Show eben auch. Und wer sich beklagt, in "Bharati" nichts vom echten Indien zu sehen, irrt: Die Menschen des Subkontinents leben ihre Lust auf Show, auf Tanz, Gesang, Farben, Musik, auf dramatische Liebe mit komischen Einlagen in jedem Dorfkino aus, nicht umsonst hat sich die Filmindustrie Bombays zur größten der Welt aufgeschwungen. Große Unterhaltung, damit glänzt auch dieses Musical.

Den Zuschauern wird das prächtige Indien ihrer Vorstellung gezeigt, orientalisch gefärbt und voller mandeläugiger Schönheiten. Die Tänzerinnen, allen voran die betörende Pani, bewegen sich so leichtfüßig, dass man fast vergisst, was für ein Knochenjob diese barfüßige Europa-Tournee mit allein 40 Vorstellungen in Deutschland sein muss. Und die Mischung aus klassischer Musik und modernen Rhythmen - zahlreiche Bollywood-Hits wurden für die Bühnenversion bearbeitet - reißt die Zuschauer am Ende von ihren Sitzen: So manche Hausfrau versucht dabei ihre Hüften rhythmisch im Takt zu wiegen. "Bharati" ist ein großes Vergnügen für all diejenigen, die sich ohne falsche Scham der bombastischen Melange aus Tanz, Musik und Farben hingeben können - und eine kurze Entführung auf den indischen Subkontinent.