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Mehr als Gangsta-Rap "Menschen merken, wenn man sie verarschen will": Warum unsere Politiker Hip-Hop-Nachhilfe brauchen

Sehen Sie im Video: Der "peinliche Onkel" – Warum Deutschlands Politik dringend Hip-Hop-Nachhilfe braucht (Interview).






Frage:
Hallo, ich bin Florian Saul, Video-Redakteur bei stern.de, und ich unterhalte mich heute mit Tobias Kargoll. Er ist Hip-Hop-Journalist, Herausgeber von HipHop.de sowie Mitbegründer der Hip-Hop-Consulting-Firma „The Ambition“. Wo Consulting betrieben wird, herrscht in der Regel auch Beratungsbedarf. Warum braucht die deutsche Politik Nachhilfe in Sachen Hip-Hop?


Tobias Kargoll:
Wenn man nicht so wie „die da oben“ wirken will, als Politik, dann muss man Menschen in ihrer Lebenswelt treffen. Und für viele Leute ist Hip-Hop-Kultur Lebenswelt. Hip-Hop-Kultur umfasst inzwischen vier Generationen in Deutschland, angefangen mit der Generation X, die es hier aufgebaut hat, über die Millennials, zu denen ich gehöre, bis hin zu Generation Z, die jetzt gerade dran ist und die dafür sorgt, dass die fünf meistgespielten Musiker im Jahr 2020 allesamt Rapper waren, bis hin zur Generation Alpha, die gerade im Kindesalter ist und in einer Welt aufwächst, in der Streetwear, Sneaker-Culture und Rapmusik allgegenwärtig sind. Und da liegt einfach ein wahnsinnig großes Potenzial drin. Das Problem ist nur, dass die Politik nicht wirklich weiß, wie sie dieses Potenzial nutzen kann, selbst dann, wenn sie vielleicht auf die Idee kommt, das zu wollen. Und wenn sie es dann versucht, wird es oft unauthentisch. Und dann geht der Versuch komplett nach hinten los und man hätte es besser komplett gelassen. Davor hat man vielleicht auch oft Angst und versucht's deshalb gar nicht erst, weil man sich dann denkt, dann interagiere ich da irgendwie falsch, weil ich diese ganzen kulturellen Codes gar nicht verstehe. Ich weiß gar nicht, wie ich das tun soll. Wie spreche ich diese Menschen denn richtig an? Und das ist, glaube ich, wo nachhaltige Hilfe nötig ist. Und diese Nachhilfe kann von Menschen aus der Kultur kommen. Das ganze Interesse, an sozialen Themen, an gesellschaftlichen Themen und an politischen Themen ist ja in dieser Kultur vorhanden. Man muss es halt nur einfach schaffen, auf Augenhöhe vernünftig miteinander zu kommunizieren.


Frage:
Man muss natürlich erwähnen, dass es in Deutschland durchaus Gehversuche einer Zusammenarbeit gegeben hat. Ein Beispiel: Der umstrittene Rapper Farid Bang hat in einem Video der Stadt Düsseldorf Jugendliche dazu aufgefordert, sich an die Corona-Regeln zu halten. Das Ganze endete mit einem Shitstorm für die Stadt. Was müsste getan werden, um Rap in der deutschen Politik salonfähig zu machen?


Tobias Kargoll:
Um es an diesem Fallbeispiel festzumachen: Ich glaube, man sollte sich vorher überlegen, mit wem man zusammenarbeiten möchte. Und man sollte zu seinen Entscheidungen stehen. Denn da ist ja nichts danach passiert, was man irgendwie vorher nicht wusste. Sondern man hat mit einem Rapper zusammengearbeitet, der in seinen Texten auch provoziert. Und nachdem es dann Kritik gab, ist man wieder von ihm abgerückt, was so ziemlich das falscheste ist, was man machen kann, wenn man authentisch und glaubwürdig mit Menschen kommunizieren will. Ich glaube, wenn man Jugend in Düsseldorf erreichen will, ist man bei Farid Bang absolut richtig. Von daher war das eine sehr gute Idee. Ob man mit den Texten genug leben kann, um mit ihm zusammenzuarbeiten, hätte man sich eben vorher überlegen müssen und dann eben zu der Entscheidung stehen. Hip-Hop-Kultur ist weit mehr als Rap. Hip-Hop-Kultur ist auch Streetwear und ist Sneaker-Culture und ist Tanz und Streetart usw. Rap ist einer von ganz vielen Bestandteilen da drin und im Rap gibt es wiederum auch ganz viele Subgenres. Eins davon ist Battlerap und eins davon ist Gangsta-Rap, worauf Rap leider sehr, sehr oft zugespitzt wird und man dann das Gefühl hat, mit Hip-Hop zu arbeiten müsste zwangsläufig heißen, mit Farid Bang oder Bushido zu arbeiten. Das kann man machen. Das mag auch eine sehr gute Idee sein. Wie gesagt, wenn man die Jugend in Düsseldorf erreichen will, dann kann man durchaus mit Farid Bang zusammenarbeiten. Das ist aber lange nicht das Einzige, was man machen kann. Und das ist dann ein bisschen zu kurz gesprungen, wenn das das Einzige ist, was einem einfällt. Also wenn man sich nachhaltig und authentisch in so einer Kultur verwurzeln will, vielleicht als Politiker oder als Partei, dann muss man sich damit beschäftigen, wie man das tut. Und dann braucht man ein langfristiges Commitment dabei. Und da muss man mit einer gewissen Demut an so eine Kultur herangehen. Man muss interessiert an so eine Kultur herangehen. Man muss sich fragen, was kann ich vielleicht zu dieser Kultur beitragen? Man muss authentisch kommunizieren und dann kann man es schaffen, mit Leuten aus der Kultur zusammenzuarbeiten. Dann kann man es halt eben schaffen, sich nachhaltig wirklich darin zu verwurzeln und dann auch organisch stattzufinden als Partei. Und nicht das Gefühl zu erzeugen, „die da oben“ machen irgendwas und wir stehen irgendwie auf Konfliktlinie mit denen. Und das macht man halt gerade nicht, wenn man nur einzelne Aktionen macht, kurzfristig, die vielleicht dann noch schlecht kommuniziert. Und die dann auf Ansage, nach hinten losgehen. Dann zerbricht man mehr Porzellan, als dass man irgendetwas erreicht hätte.


Frage:
Kommerziell erfolgreiche Künstler geben sich in Deutschland oft unpolitisch. Warum sollten Rapper überhaupt das Risiko eingehen, sich mit der Politik einzulassen?


Tobias Kargoll:
Da gibt es auf jeden Fall natürlich auch eine Hemmschwelle auf der anderen Seite. Es ist jetzt nicht selbstverständlich, dass alle Akteure aus der Kultur darauf gewartet hätten. Wenn ich jetzt irgendwie Streetwear-Designer frage, ob er mir Wahlkampf-Merch machen kann, das wird er sich auch zweimal überlegen, ob er das macht. Mag ne gute Idee sein. Wahlkampf-Merch ist sowieso nicht so ein großes Thema in Deutschland, vielleicht noch ein bisschen anders als in den USA, aber das würden sie sich sicher zweimal überlegen und ein Rapper würde es sich auch zweimal überlegen, ob er mit einem Politiker zusammenarbeitet. Und da ist es eben einfach wichtig, dass man interessiert und demütig auf seine Kultur zugeht und glaubhaft vermittelt, dass man hier nicht die Reichweite von jemandem einfach nur kurz ausnutzen möchte, sondern dass man ein ernsthaftes Interesse hat. Und wenn man das rüberbringen kann, dann kann man vielleicht als erstes den Celebrity überzeugen und danach vielleicht auch andere Leute. Im Endeffekt ist Hip-Hop in seiner Entstehung schon eine Reaktion auf Ausgrenzung, auf Diskriminierung durch Klassismus und Rassismus gewesen und vieles, was darin stattfindet. Beispielsweise: Das klischeehafte Bild eines Gangsta-Rappers oder Straßenrappers, der mit einem Mercedes AMG angibt, das hat ja eine Message. Das bedeutet ja, ihr habt mir Türen zugehalten. Ich habe das Gefühl bekommen, ich kann es in dieser Gesellschaft nicht schaffen. Ich habe Steine in den Weg gelegt bekommen und ich hab's am Ende eben doch geschafft. Das ist eine Art von „Rags to riches“-Geschichte. Das ist ja kein Angeben, wo man irgendwie armen Menschen seinen Reichtum unter die Nase reiben will, sondern es ist eher eine trotzige Geste gegenüber denen „da oben“. Also selbst in sowas steckt ja eine politische Message drin.


Frage:
Hip-Hop in der Werbung, insbesondere werbliche Rap-Songs wirken oft erzwungen und peinlich. Wie lassen sich solche Fremdscham-Momente bei einer Zusammenarbeit vermeiden?


Tobias Kargoll:
Ich glaube, das Allerwichtigste ist es, Klischees zu vermeiden. Das ist was, was sehr oft bei den erwähnten Werbespots beispielsweise ein Problem ist. Und ich glaube, dass Menschen generell ein gutes Gefühl dafür haben, wenn sie jemand doch nicht ernst nimmt und vielleicht eher verarschen und ausnutzen will. Und das kommt halt eben nicht gut an, das wäre bei jedem so. Und das ist in so einer Kultur halt auch so und dann wie schon erwähnt, Einzelaktion sind nicht unbedingt eine gute Idee, weil es halt eben umso wichtiger ist, dass man interessiert und demütig an jemanden herantritt. Also wenn man jetzt mal überlegt. Eine Partei macht den Wahlkampf, hat jetzt einen Kandidaten, der ist irgendwo zwischen 50 und 70 Jahre alt und sagt jetzt: Wie können wir denn Leute erreichen, die irgendwo zwischen 15 und 35 Jahre alt sind? Und wie können wir das dann machen? Stellen wir uns mal vor: Ich bin jetzt der 58-jährige Onkel und bin sehr interessiert daran, was meine Nichte da eigentlich alles für coole Sachen macht und möchte da jetzt irgendwie auch ein bisschen drin stattfinden. Dann glaub ich nicht, dass es eine gute Idee ist, wenn ich mich so anziehe mit meinen 58 Jahren, wie das die 19-jährigen Freunde meiner Nichte machen, auf ihren Geburtstag reinkomme und „Yo! Yo! Yo!“ sage. Denn meine Nichte wird danach wahrscheinlich nie mehr mit mir reden. Das ist aber die Art und Weise, wie Unternehmen oder vielleicht auch Parteien sich halt teilweise populär-kulturellen Strömungen nähern. Viel besser wäre es, halt eben, in der eigenen Rolle zu bleiben und zu wissen, wer man ist und einfach ernsthaftes Interesse zu signalisieren und Fragen zu stellen und einfach Respekt auszudrücken, zu sagen: Ich finde es wahnsinnig interessant und beeindruckend, was ihr da macht und ich wüsste da gerne mehr drüber. Und wenn ich euch mal irgendwann helfen kann, als der, der ich bin, dann sag gerne Bescheid. Und dann kann es sein, dass man am Ende wirklich der coole Onkel wird, der man vielleicht gerne werden wollte. Heute wird beispielsweise im Marketing oft auf Zahlen geguckt, weil so vieles heute messbar ist, weil man mit “Big Data” arbeiten kann, weil man seinen Algorithmus einsetzen kann usw. Und das ist alles gut. Ein Stück weit rennt man aber auch immer Geschehnissen hinterher. Man misst halt, wie etwas bis gestern war oder im schnellsten Fall schafft man es, in Echtzeit zu messen. Man hat durch Kultur, wenn man sich in Kultur nachhaltig verwurzelt, die Möglichkeit organisch mitzuwachsen. Das heißt, man weiß vielleicht selbst nicht, wo die Reise hingeht. Man weiß aber, dass man dabei sein wird, weil man Teil von dieser Gruppe ist, die sich gerade irgendwo hinbewegt. Und dadurch kann man dann tatsächlich vorne in der Welle sein. Und das bietet einfach gigantische Potenziale. Und es bietet Potenziale, Menschen zu erreichen, weil man sie innerhalb ihrer Kultur erreicht, in ihrer Lebenswelt. Und da steckt super viel drin, was in ganz, ganz vielen Bereichen nicht wirklich erkannt und genutzt wird. Und einer von diesen Bereichen, ein sehr, sehr wichtiger Bereich, ist Politik.
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Unternehmen und Parteien nähern sich popkulturellen Strömungen oft mit überschaubarem Erfolg. Im stern-Interview erklärt Hip-Hop-Journalist Tobias "Toxik" Kargoll, was die deutsche Politik im Umgang mit der Hip-Hop-Kultur lernen kann – oder besser sollte.

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