VG-Wort Pixel

Kiss-Konzert auf Berliner Waldbühne Gitarrengewitter bis zur Schmerzgrenze


Die Altrocker von Kiss geben in Berlin das einzige Deutschlandkonzert ihrer "Monster"-Tournee. Und sie liefern das ab, was sie am besten können: Eine große Show - ohne Rücksicht aufs Trommelfell.

Nach exakt 30 Minuten feinster Rockmusik nimmt Kiss-Bassist Gene Simmons eine brennende Fackel entgegen. Auf der Berliner Waldbühne ein Teppich aus weißem Rauch, rundherum zuckende Feuerblitze. Ein kreischendes Gitarrengewitter reißt an tausenden Trommelfellen, gellend bis zur Schmerzgrenze. Dann ein Donnerschlag, eine Stichflamme. Tosender Jubel. Die Feuerspucker-Nummer des Musikers - sie sollte nicht das einzige altbewährte Showelement bleiben beim einzigen Deutschlandkonzert der amerikanischen Hard-Rock-Gruppe Kiss am Mittwochabend.

Seit mittlerweile 40 Jahren bringt die Band die Bühnen dieser Welt an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Und die Rocker machen in Berlin schon während des ersten Songs klar: Wir sind auch diesmal hier, um es krachen zu lassen. Da ist bereits ein knappes Dutzend Feuerwerkskörper in den Berliner Abendhimmel gedonnert - zur Freude des altersmäßig bunt gemischten Publikums, das jeden Knall mit frenetischem Jubel begleitet.

Die mehr als 17.000 Fans in der Waldbühne gehen voll mit, was die Band mit einem Hit-Regen belohnt. Von "Love Gun" über "Lick It Up" bis "Rock and Roll All Night" geben die Musiker bei ihrem Auftritt im Rahmen der "Monster"-Tournee all das zum Besten, was sie zu einer der erfolgreichsten Gruppen der Musikgeschichte gemacht hat. Weltweit haben Kiss seit 1973 mehr als 100 Millionen Alben verkauft.

Zungen, Konfettikanonen und Theaterblut

Die vier Rocker bieten nicht nur seit Jahrzehnten höchst energiegeladene Welthits, sie gelten auch als Pioniere und Meister der perfekten Inszenierung. Auch an diesem Abend stehen sie weiß geschminkt, in bizarr gezackten Schulterpanzern und silber glitzernden Plateauschuhen auf der Bühne. Erst 1983, zehn Jahre nach der Gründung, hatte sich die Band erstmals unmaskiert in der Öffentlichkeit gezeigt - was ihr als genialer Marketingstreich ausgelegt wurde.

Leadgitarrist Paul Stanley, 61, dessen Mutter in Berlin geboren wurde, zitiert den einstigen US-Präsidenten John F. Kennedy - und bricht mit einem flüssig vorgetragenen "Ich bin ein Berliner" alle Dämme. Der Rest ist Rock - und Show. Simmons züngelt dem Publikum wie wild entgegen, lässt mit starren Augen Theaterblut von seinen Lippen triefen. Scheinbar unerschöpfliche Kanonen schießen massenhaft Papierschnipsel in die zuckenden Lichtkegel. Drummer Eric Singer und Gitarrist Tommy Thayer liefern sich eine minutenlange Soloschlacht, während beide von Hebebühnen meterhoch in die Luft gehievt werden. Bis Singer das Spektakel beendet und eine Leuchtrakete über die ekstatische Menge feuert.

Nach knapp zwei Stunden gipfelt der Auftritt in einer einminütigen Pyroshow hoch über der Doppelkuppel der Waldbühne. Nur einen Song nach "I Was Made For Loving You", dem wohl größten Hit der Band, prangt in dicken Leuchtbuchstaben der Schriftzug "Kiss loves you" auf der verwüsteten Bühne. Berlin und Kiss - das passte einfach an diesem Abend.

Johannes Süßmann, DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker